Das nächste Ultracycling Level freischalten

Warum? Der Wecker klingelt in aller Hergottsfrühe um vier Uhr morgens an einem Samstag Anfang Juni, eigentlich habe ich ja Wochenende, aber ich stehe auf und mache mich bereit, mich gleich auf mein Gravelbike zu schwingen und wenn alles gut geht rund 350 Kilometer mit rund 6300 Höhenmetern am Stück zu fahren, einmal direkt von der Haustür los und rund um Jotunheimen fahren, immer entlang der höchsten Berge Norwegens auf einigen Abschnitten des Bright Midnight Ultracycling Events und wieder zurück nach Hause. Ein selbstgewählter Formtest steht damit auf dem Programm für mich, denn seit letztem Herbst trainiere ich mit Hilfe meines Trainers Stefan und einem strukturiertem Plan für die nächste Ausgabe des Bright Midnight, an dem ich 2025 bereits erfolgreich teilgenommen habe.

Eigentlich wollte ich ja schon nach dem ersten Ultracycling-Event meine Karriere in diesem Bereich beenden, aber irgendwie lässt es mich dann doch nicht los, mich selbst herauszufordern und zu sehen, wie weit bzw. wie schnell und gut ich solche Events bewältigen kann. Wie viel muss man an Training investieren? Wie viel Commitment braucht es um besser zu werden? Und an welchen Stellschrauben kann und muss ich arbeiten? Vom Ausrüstungs-Rabbithole mal ganz zu schweigen, aber zumindest das kann man sich ja auch ohne Training einfach so zulegen, wenn man willens ist etwas zu investieren.

Und nun ist der Tag gekommen, an dem ich sehen werde, wie weit ich seit dem letzten Sommer gekommen bin. Das große „Problem“ an einem Wohnsitz in Norwegen ist, dass man den Winter über so gut wie gar nicht Fahrradfahren kann, von Oktober bis April liegt einfach bei uns zu viel Schnee und bei bis zu minus 30° C ist es oft auch einfach etwas zu frisch dafür. Daher heißt es im Winter dann entweder draußen Langlaufen zu gehen oder auf der Rolle drinnen schwitzen – beides habe ich zusammen rund 6 Mal pro Woche über den Winter gemacht. Mir hilft der Trainingsplan enorm mich aufzuraffen, ich bin da recht stumpf, ich mache dass, was mir mein Trainer sagt. Punkt. Da gibt es wirklich wenig Spielraum oder Diskussionen für mich, ich mache das, was ich bestellt habe. Die Zusage zum Bright Midnight 2026 und auch das Investment in das Training im Nacken geben mir da zusätzliche Motivation. Wenn dann richtig, wir gehen rein!

Meine 3. Runde Jotunheimen Rundt

Mein Bike habe ich am Abend zuvor gepackt, zu 95% schon mit dem Setup und Equipment, dass ich beim Bright Midnight dabei haben werde. Einige Details werde ich jetzt unterwegs testen, das meiste steht schon fest, vieles hat sich bereits mehrfach bewährt. Allerdings wird die erste wirklich lange Tour mit Laufrucksack sein, ich will einmal testen, wie sich das anfühlt und ob mich das auf die Dauer eventuell stört bzw. nervt.

Vor dem Fenster draußen ist es hier in Norwegen bereits um vier Uhr am Morgen taghell, und drinnen arbeite ich mich an einer großen Portion Milchreis und einem Kaffee ab. Im Automatikmodus geht es voran, die Radsachen liegen bereit, gegen fünf bin ich bereit loszulegen. Nur der Pulsgurt nervt, verbindet sich nicht mit meinem Radcomputer. Nach einigem hin und her entscheide ich mich den Sensor am Gurt zu tauschen, nun funktioniert es, mit gut 20 Minuten Verspätung geht es endlich los.

Ich rolle vom Hof und hoch über dem Tal blicke ich auf die Berge Jotunheimens am Horizont.

Eine Mischung aus Vorfreude und Aufregung macht sich breit, während ich die ersten Meter zurück lege. Da ich die Route schon gut kenne und bereits mehrfach abgefahren bin, weiß ich um alle Fallstricke und etwaigen Hindernisse. Und der erste Abschnitt, bei dem ich etwas unsicher bin ob er gut fahrbar ist, kommt direkt nach gut einer halben Stunde. Auf dieser Schotterpassage kann es sein, dass die Wege von Forstmaschinen stark zerfahren sind, hier bin ich schon mehrfach im Schlamm stecken geblieben. Und noch etwas bereitet mir leichte Sorgen, denn auch wenn wir jetzt bereits Juni haben, kann es nicht Stellen auf der Route geben, auf denen noch größere Schneefelder liegen, wir werde es wohl selbst herausfinden müssen.

Ich fühle mich ganz gut, die Oberschenkel fühlen sich etwas aufgepumpt an, aber auch das kenne ich bereits von längeren Ausfahrten, umso länge rich unterwegs bin, desto besser komme ich in den Flow und die Beine fühlen sich dann immer besser an. Am Anfang geht es leicht wellig los, kurze knackige Anstiege und flotte Abfahrten wechseln sich ab.

Ich biege ab von der normalen Straße und es geht auf den gefürchteten Abschnitt, aber was soll ich sagen, es läuft hier bestens, die Wege wurden noch vor dem Winter scheinbar in Ordnung gebracht, keinerlei Probleme, es rollt super hier. Hier im lichten Wald und den Wiesen treffe ich auf reichlich Schafe, die so am frühen Morgen doch etwas verwundert über die Störung sind. Da es gut läuft bin ich bald schon wieder auf der normalen Straße, die mich über einen kleinen Pass in Richtung Beitostølen und Jotunheimen.

Ich folge der Straße, rolle bald wieder bergab und kann am Horizont schon das Bitihorn sehen, den markanten Berg in der Nähe von Beitostølen, an dessen Fuß mich die Straße zur berühmten Valdresflye Passstraße führen wird. Ich komme super gut voran und biege bald wieder auf Schotter ab, diesmal auf den Raudalsvegen, einer Schotterstraße die mich bis kurz vor Beitostølen bringen wird. Als ich den Oyangen-See erblicke passiere ich eine Schranke, aber hier ist die Straße noch gesperrt.

Einige ausgespülte Stellen zeugen noch vom Winter und müssen erst noch ausgebessert werden. Der Gravel hier ist schnell, Gegenverkehr muss ich ja nicht fürchten, die Kilometer fliegen dahin. Es geht vorbei am Raudalen Skicenter und der Gronølen Fjellgard Fjellstue. Ich muss mich stetig daran erinnern, ausreichend zu essen, der Motor muss ja schließlich noch über 20 Stunden länger laufen. Also wandert um kurz vor 8 Uhr schon der dritte oder vierte Riegel in den Tank. Auch das muss man auf der Langstrecke üben und lernen, Fueling heißt das beim Ultracycling. Und das Thema ist am Ende wichtiger als ein cooles Bike oder die größten Fitnesswerte, denn ohne ausreichend Energie auch über mehrere Tage hinweg kommt man nicht ins Ziel. Beim Fueling gibt es neben dem Training auf jeden Fall das größte Potential zu lernen, und auch unterwegs etwas falsch zu machen bzw. nicht genug zu essen.

Testen und Lernen

Bei Beito gelange ich wieder auf Asphalt und und mache mich an den kurzen Anstieg hoch nach Beitostølen. Ich bin etwas unsicher, was mich dort erwartet, findet doch heute dort eine große Laufveranstaltung inklusive einem Marathon über die Valdresflye statt. Auch deshalb bin ich schon so früh los, möchte nicht Gefahr laufen, dass die Straße gesperrt wird oder ich durch die gut 1500 Laufenden mit meinem Fahrrad navigieren muss.

Normalerweise würde ich im Spar Supermarkt in Beitostølen erstmal eine Pause einlegen, mir einen Kaffee holen, mich hinsetzen und kurz ausruhen. Diesmal lege ich nur einen sehr kurzen Toilettenstop ein, denn ich habe ein weiteres Ziel heute, ich möchte möglichst wenige Pausen und wenn dann sehr kurze einlegen – das Stichwort lauter hier Stoppzeiten zu minimieren und  so mehr Zeit auf dem Rad zu verbringen. Ich habe genügend Verpflegung für die ersten 160 Kilometer dabei, mindestens. Also weiter geht es, hin zum Bitihorn und weiter zur Valdresflye.

Der Anstieg lässt sich gut fahren, dank der Laufveranstaltung sind wenig Autos unterwegs, nur die Busse mit den Teilnehmenden vom Halbmarathon und Marathon überholen mich. Mit dem Rad sind es hier schon gut Höhenmeter, ich beneide die Laufenden nicht darum. Es liegt an den Rändern der Straße noch gut Schnee, das Wetter zieht etwas zu, allerdings war eigentlich gutes Wetter vorhergesagt, nun denn, Norwegen halt.

Die Abfahrt vom höchsten Punkt hinab ist jedes Mal ein echtes Highlight, die Aussichten spektakulär und bald darauf treffe ich auch die ersten Marathonis, die mir teils bereits schwer gezeichnet entgegen kommen. Die nächsten Kilometer bis Randsverk sind Genuss pur, schließlich geht es zu einem großen Teil mehr oder weniger sachte das Tal hinab. Zwischendurch bekomme ich eine kurze Dusche von oben ab, allerdings ist es zu warm und zu kurz genug, um die Regenklamotten anzuziehen.

In Randsverk geht es wieder auf Schotter weiter, diesmal in Richtung der DNT Hütte Glitterheim, das Tal hinauf immer am Fluss entlang. Almen säumen die Schotterpiste und die hohen Berge Jotunheimens sind immer am Horizont zu erspähen. Kurz darauf kommen gleich wieder zwei Dinge zusammen: Nieselregen und eine steile Rampe, eine super Kombination um den Charakter zu formen und den Trainingszustand abzufragen, es sind nur 200 Höhenmeter, die aber sind vermutlich die steilsten auf der ganzen 350 Kilometer Runde. Da hilft nur Wille und Kopf ausschalten, immer weiter Kurbeln und leise vor sich hin leiden. Aber auch die steilsten 200 Höhenmeter  sind bald geschafft und ich biege ab nach in Richtung Tesse See an dessen Ende sich das Restaurant des in Norwegen sehr bekannten Fernsehkochs Arne Brimi liegt. Der Nieselregen und die niedrigen Wollen erzeugen direkt eine dramatische Stimmung, die Aussichten sind spektakulär und am Wegesrand grasen Rentiere – herzlich Willkommen in Norwegen!

Hier am See entlang rollte es richtig gut, an den Regen habe ich mich bald gewöhnt, da muss ich jetzt durch und solange ich später am Tag wieder trockne, dann ist alles gut. Das Ende des Sees ist rasch erreicht, bald schon kommt das Brimi Restaurant in Sicht. Im letzten Jahr habe ich hie noch Pause gemacht und mir eine Waffel gegönnt, jetzt aber ernähre ich mich weiter aus meinem Rucksack und fahre einfach ohne Pause weiter. Ich fühle mich weiter ganz gut, auch wenn die Oberschenkel sich immer noch etwas aufgepumpt anfühlen. Aber sei es drum, jetzt folgt erstmal die rasende Abfahrt hinab ins Ottadalen. Gut 135 Kilometer habe ich jetzt in den Beinen und es läuft echt gut, der Optimismus steigt es wirklich am Stück schaffen zu können.

Bis in die nächste Stadt nach Lom sind es gut 15 Kilometer wieder auf Asphalt und gehen entsprechend schnell und gut von der Hand. Zudem hat der Regen aufgehört und es ist schön warm, meine Klamotten trockenen wieder gut ab. Gegen 14 Uhr rolle ich in die kleine Stadt und biege direkt ab zur Tankstelle. Ich gehe kurz zur Toilette und anschließend fülle ich meine Trinkflaschen auf – Cola und Softdrinks regeln, sind ja auch Kohlenhydrate, und ohne die geht es auf einer solchen Tour einfach nicht, also rein da.

Die Stoppzeit halte ich wieder bewusst kurz, verzichte auf Pommes und Softeis und schwinge mich wieder in den Sattel. Mein Plan ist es im kleinen Supermarkt einige Kilometer weiter einen letzten Einkauf zu machen. Je nach Uhrzeit und Fortkommen habe ich zudem noch die Möglichkeit bei km 250 der Runde in Årdal einzukaufen, die Supermärkte dort haben bis 23 Uhr am Samstag auf, also los.

Halbzeit und ich komme richtig rein

Abseits der größeren Straße hin zum Sognefjellsvegen geht es auf der anderen Talseite hinaus aus Lom und hin zur spektakulären Passstraße. Mir kommen dutzende Einsatzwagen entgegen, von Polizei über Rettung bis hin zur Feuerwehr. Hoffentlich ist die Straße am Talende nicht wegen einem Einsatz gesperrt, dann müsste ich wieder zurück und hätte einen Umweg von fast 20 Kilometern extra. Ein mulmiges Gefühl jetzt weiter zu fahren. Zudem fängt es wieder an zu Regnen, ich entscheide mich wieder gegen Regenklamotten, es ist ja weiter warm. Kurz vor Talende erreiche ich die Einsatzstelle und wundere mich, auf der Straße liegen riesige Felsbrocken und zertrümmerte Autos, die Straße ist komplett blockiert für Fahrzeuge. Am Wegesrand liegen Puppen, die scheinbar Opfer darstellen, eine seltsame Szenerie die sich mir hier zeigt. Mein erster Gedanke ist, wie komme ich da jetzt sicher hindurch? Und danach erst, was hier eigentlich passiert ist? Erstmal egal, ich schlängele mich durch die schaurige Stelle und entschließe mich, später herauszufinden, was das Ganze hier soll (es war eine riesige Notfallübung aller möglichen Einsatzkräfte finde ich am nächsten tag heraus). Kurz darauf bin ich wieder auf der eigentlichen Straße und rolle den höchsten Bergen Norwegens entgegen. 

Am Campingplatz Bøverdalen stehen 170 Kilometer und 2700 Höhenmeter auf der Habenseite auf meinem Tacho, und erstaunlicherweise fühle ich mich mit jedem Kilometer besser. Im kleinen Supermarkt besorge ich mir noch einiges an Schokolade, Chips und neuen Getränke, nicht allzuviel, ich bin mir mittlerweile sicher, dass ich es rechtzeitig zum Supermarkt in Årdal schaffen werde. Das Selbstvertrauen steigt, die Zuversicht es komplett zu schaffen auch, das Training scheint sich auszuzahlen!

Es geht rasch weiter und kurz darauf biege ich von der Hauptstraße ab auf die kleine Straße hoch ins eigentliche Bøverdalen. Die Straße windet sich gemächlich bergan und lässt sich in der Nachmittagssonne angenehm fahren. Die nächsten Kilometer zählen zu meinen absoluten Lieblingskilometern auf der Runde, ich mag einfach die Aussichten hie rund das man sich ständig fragt, wie es hier weiter geht. Denn das Tal wird irgendwann immer enger und es scheint, dass es nicht weiter geht – dann geht aber dennoch immer weiter. Die letzten Bauernhöfe verschwinden und es geht auf Schotter weiter, immer dem Bøvra Fluss entlang. Bald schon kommen einige Sommeralmen und Hütten in Sicht, ich genieße es einfach gerade hier zu sein.

Am Talende wartet dann ein knackiger Anstieg mit einigen kurzen steilen Rampen auf mich hinauf zum Høydalsvatnet, der Schweiß fließt in strömen, am See angelangt werde ich allerdings mit traumhaften Aussichten und gigantischer Landschaft belohnt, vom spektakulären Wasserfall nebenan hier mal ganz abgesehen.

 

Kurz darauf biege ich wieder ein auf den Sognefjellsvegen, der eigentlichen Passstraße folge ich von nun an bis hinauf zum höchsten Punkt auf 1434 Meter über dem Meer. Die Sonne am späten Nachmittag lässt ein Hochgefühl aufkommen, spätestens seit dem Supermarkt bin ich im Modus, die Beine fühlen sich immer besser an, es läuft richtig gut.

Mit Musik und Podcast auf den Ohren schraube ich mich immer weiter hoch, vorbei an der Krossbu-Hütte und über Serpentinen hinauf zur Passhöhe. Das ist nun das vierte Mal für mich hier mit dem Fahrrad, und es verliert nicht an Magie hier oben anzukommen. Selbst im Sommer liegt hier im Fjell noch Schnee, man kann an einer Stelle sogar noch Langlaufen, und rundherum kann man Blicke auf die höchsten Berge Norwegens genießen, ein absolutes Highlight und Privileg gerade hier zu sein – bei bestem Wetter! Bei den zwei letzten Malen war ich hier am späten Abend zu der Zeit wie jetzt, und trotz Sonne habe ich mir damals den Allerwertesten abgefroren, jetzt aber bin ich erheblich früher gegen 18:30 Uhr hier oben und ich brauche nur meine Windjacke, als ich vom obligatorischen Stopp am Höchstren Punkt der Straße wieder aufbreche, ich habe schließlich eine Verabredung mit dem Supermarkt in Årdal.

Die nächsten Kilometer sind einfach ein Traum! Bei bestem Wetter rolle ich über die Passstraße, die sich hier sanft mit einigen kleinen Aufs und Abs durch die Berge schlängelt. Es wird einfach nicht langweilig, hier unterwegs zu sein! Es ist quasi die ultimative Belohnung für die Mühen, die man investiert hat, um hierher zu gelangen. Bald darauf geht es an die rasenden Abfahrten hinab ins Tal bis hin nach Turtagrø, dem bekannten Berghotel und Bergsteigermekka, das jetzt allerdings noch geschlossen hat und erst bald für die Saison öffnet. Von hier geht es über den Tindevegen für mich weiter, einer weiteren nicht minder spektakulären Passtraße. Etwa 220 Kilometer und rund 3700 Höhenmeter waren es bis hierher, und ich fühle mich immer noch ganz gut, keinerlei Müdigkeit und die Beine spielen auch noch mit.

Auf der Passhöhe des Tindevegens habe ich weitere 600 Höhenmeter auf dem Tacho, ein wenig zäh war es hier hoch, aber jetzt warten nicht nur spektakuläre Aussichten auf mich sondern auch eine Abfahrt über rund 1300 Höhenmeter hinab ins Tal auf beinahe Meereshöhe in Årdal.

Die nächste halbe Stunde geht es abwärts, zuerst in steilen Serpentinen, dann über gut ausgebaute Straßen mit teilweise frischem Asphalt und dann wieder über steile und enge Kurven. Wenn man meint hier auf der Abfahrt relaxen zu können, kann man machen, mich strengt es aber auch gut an, man weiß ja nie, welches Tier, von Hase bis Elch kann das hier ja alles sein, sich gerade überlegt über die Straße zu kreuzen, während man mit 75 km/h den Berg runter knallt. Besser nicht darüber nachdenken.

Die Strecke eine einzige Königsetappe

Gegen 21:40 Uhr ist es dann geschafft, ich rolle durch die Straßen der Industriestadt Årdal, während das Adrenalin von der Abfahrt noch etwas pumpt kommt auch schon der Supermarkt in Sicht. Es hat etwas von einem amerikanischen Arthouse Film, jetzt hier am späten Supermarkt mitten in norwegischen Nirgendwo einzukaufen. Einzelne skurrile Gestalten streifen durch die Gänge und kaufen hier ein, die merkwürdigste Figur in diesem Kammspiel hier bin aber wohl ich, der vor Schweiß, Sonnencreme und Staub stinkend auf der Suche nach etwas Adäquatem zu essen ist. Draußen setzt Nieselregen ein, als ich die erste richtige Pause des Tages mache. Kurz die Schuhe aus, dazu eine Dose Monster Energy und eine kalte Portion Pasta in Zitronen-Knoblauch-Sahnesoße, die eigentlich für die Mikrowelle gedacht ist.

Ehrenlos wäre noch übertrieben, aber für mich okay, das große Ziel noch in der Nacht nach Hause zu kommen steht über allem. Auch über solch einem Abendessen, ist schon okay und selbst gewählt. Ich fülle noch meine Trinkflaschen auf mit einer Mischung aus Orangensaft und Cola, über zu wenig Zucker und Koffein brauche ich mich heute nicht zu beschweren, herzlich willkommen im Ultracycling-Game.

Die Pause fällt nicht allzu lang aus, rund 100 Kilometer sind es noch für mich, also weiter. Schön, dass direkt nach dem Supermarkt der längste Anstieg des Tages auf mich wartet: fast 1100 Höhenmeter mehr oder weniger am Stück bis hinauf zum Tyin See.

Komischerweise freue ich mich fast drauf, mich jetzt hier hoch zu Kurbeln. Mit  Musik auf den Ohren starte ich meinen Nachtflug. Da es aktuell nicht mehr richtig dunkel wird, ist es eher eine sehr lange Dämmerung, die das Radfahren ganz angenehm gestaltet. Meter um Meter geht es bergan und auch jetzt fühle ich mich noch gut, die Beine machen mit, der Kopf auch, also strampeln, strampeln strampeln. Ich genieße es in der Stille und Dämmerung den Anstieg hinauf zu fahren. Die Straße ist mal wieder spektakulär, mit Serpentinen und Haarnadelkurven die einen durch kurze Wendetunnel führen. Gegen 0:30 Uhr habe ich geschafft, der Anstieg fadet langsam aus. Um mich herum sind nun beinahe hunderte Ferien-Hütte, in denen teilweise noch Licht brennt. Nur wenige Autos begegnen mir und die fahrenden am Steuer wundern sich augenscheinlich, jetzt hier noch jemanden auf dem Fahrrad zu sehen, würde mir nicht anders gehen.

Durch die Nacht rollen

Jetzt hier unterwegs zu sein ist ein echter Hochgenuss, ein Hochgefühl macht sich breit. Der Tyin-See kommt in Sicht, vor nicht allzu langer Zeit lag hier noch viel Schnee und der See war noch zugefroren. Jetzt gleite ich ganz für mich und bei mir auf der Straße am Seeufer entlang.

Der Mond kommt zwischendurch raus und taucht die Umgebung zusammen mit der leichten Bewölkung in ein dramatisches Licht. Ich fühle mich pudelwohl, vor allem weil kurz darauf die steile Abfahrt hinab nach Tyinkrysset kommt. Im kleinen Bergdorf am Supermarkt unter dem Vordach mache ich kurz Pause, es wird jetzt um 1:30 Uhr richtig frisch und ich ziehe mit meine Beinlinge an. Aus einer nahen Baracke höre ich auf einmal eine laute Stimme, die in meine Richtung ruft. WTF? Ich verstehe nur Bruchstücke und gebe zu verstehen, dass ich weder gedenke Einkaufen zu wollen noch Einzubrechen, so komisches auch aussieht, was ich hier gerade mitten in der Nacht mache. Aufmerksamer Nachbar oder zu viel geistige Getränke, keine Ahnung, nach wenigen Augenblicken schwinge ich nicht wieder aufs Bike und fahre weiter in die Nacht. Eigentlich war jetzt geplant einige Schotterpassagen zu fahren, genauer gesagt der Route vom Bright Midnight zu folgen, aber es wird immer frischer und die Luftfeuchtigkeit macht es gerade etwas ungemütlich, so entscheide ich mich, statt auf Schotter der E16 Straße auf Asphalt bis zu mir nach Hause zu folgen. Sind zwar auch noch gut 60 Kilometer, aber mit weniger Anstiegen und etwas leichter zu fahren. Ich muss jetzt niemandem mehr etwas beweisen, denn für mich ist es Beweis genug es soweit und so gut geschafft zu haben, den Schotter-Abschnitt gebe ich mir dann bald im Juli beim Bright Midnight, überhaupt kein Problem für mich, schließlich weiß ich jetzt, was ich aktuell zu leisten im Stande bin. Da ist noch mehr drin, aber das hebe ich mir fürs Event auf.

Als ich am Ufer des Vangsmjøsa See entlang rolle sagen mir nur einige Füße gute Nacht und ich beglückwünsche mich zu meiner Entscheidung, den auf der Schotter-Seite des Sees staut sich Nebel, die gut 12 Kilometer durch diese nasskalte Suppe erspare ich mir jetzt gerne.

Gerade im Sommer ist auf der E16 doch recht viel Verkehr, Wohnmobile, Autos, Busse und LKW reihen sich dann hier in dichter Folge ein, doch jetzt habe ich die Straße ganz für mich allein. Kilometer um Kilometer geht es das Tal hinab. Auch ohne Schotter zeiht es sich ganz schön. Im Kopf muss ich die Uhrzeit für meine heiße Dusche immer weiter nach hinten verschieben. Sei es drum, noch immer bin gut drauf, kann Druck aufs Pedal bringen und die Müdigkeit hält sich auch noch sehr in Grenzen.

Das große Finale

Die Crux daran in Norwegen auf einem Berg mit schöner Aussicht ins Tal zu wohnen ist aber leider, dass jede Radfahrt ausnahmslos mit einem letzten Anstieg von mehr als 200 Höhenmetern endet – ganz egal ob beim Pendeln zur Arbeit oder um 4 Uhr morgens nach gut 350 Kilometern und über 6000 Höhenmetern auf dem Tacho. Und so auch jetzt um 4:00 Uhr am frühen morgen, als eben dieser letzte Anstieg nach Hause auf mich wartet.

Scheue Rehe und neugierige Schafe gucken etwas verschlafen, als ich an ihnen vorbei den Berg hochfahre. Es ist jetzt schon fast wieder taghell und ich bin seit gut 24 Stunden wach, krass, was man alles in dieser Zeit erleben und mit dem Fahrrad schaffen kann. Gut gelaunt und immer noch mit okayem Druck auf dem Pedal geht es heimwärts, den Anstieg hoch den ich schon so oft gefahren binUm 4:34 rolle ich bei uns auf den Hof, alles schläft, die Umgebung liegt friedlich da und ich bekomme das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Geschafft! Eine Mischung aus Zufriedenheit und Dankbarkeit macht sich bei mir breit, habe ich es doch viel besser als erwartet gemeistert, keine Knieschmerzen, keine Krämpfe, keine Rücken oder Handschmerzen, keine Sitzprobleme. Nur meine Füße sind eiskalt, aber dagegen hilft ja eine heiße Dusche, und die habe ich mir jetzt echt verdient.

Übersicht rund um Jotunheimen 2026

Fazit und Erkenntnisse

Es gibt im Grunde nicht viel zu sagen außer, dass es richtig gut gelaufen ist! Der Fokus auf die Stoppzeiten und mehr Gedanken im Vorfeld rund um die Verpflegung haben sich bezahlt gemacht, allerdings ist es auch eine Veränderung im Mindset: Von ich möchte einfach im Zeitlimit gut ins Ziel kommen hin zu mehr Performance.

Und das ist vermutlich dann der nächste Schritt beim Ultracycling. Zwei Event mit mehr als 1000 Kilometern und jeweils an die 20.000 Höhenmetern habe ich jetzt gut im Zeitlimit gefinisht, jetzt tritt die Performance auf dem Plan. Das erste Event Mother North stand unter dem Motto Once-in-a-lifetime und das Ganze einfach schaffen, das Bright Midnight 2025 war dann eher ich-weiss-jetzt-wie-es-laeuft und dann Distanzen und Höhenmeter gut und sicher ohne allzu grossen Stress mit zwei Freunden gemeinsam bewältigen und jetzt ist das Ziel für mich tatsächlich Performance im Rahmen meiner Möglichkeiten. Es geht mir da nicht um das Klassement sondern eher darum, mich selbst zu steigern und es mir selbst zu beweisen. Ich möchte mich nicht mit anderen Vergleichen, sondern am Ende sehen, in wie weit ich mich steigern kann und wenn alles gut läuft einen Tage eher am Donnerstag gegen Abend finishen, das wäre ein Tag schneller als 2025. Wenn das Wetter, die Ausrüstung und er Körper mitspielen bin ich nach dem Test rund um Jotunheimen optimistisch, dass das klappen kann.

Meine Fitness und auch insbesondere ein starker Wille werden mir dabei hoffentlich gut zur Seite stehen. Wenn ich eine Sache bei den vergangenen Ultracycling-Events und auch beim Blick in die sozialen Medien oder beim Anschauen diverser Videos rund um das Thema in letzter Zeit gelernt habe , dann ist es, dass ab einem bestimmten Punkt im Event vor allem der Kopf entscheidet. Und das kenne ich nur zu gut und ist ganz sicher eine meiner großen Stärken. Dieses Durchhalten und sich schinden kenne ich zur Genüge von fordernden Wintertouren mit Ski und Pulka, von langen und anstrengenden Trekkingtouren und sehr langen Radfahrten. Schauen wir mal was wird.

Gedanken zur Ausrüstung:

Meine Ausrüstung bei den zwei Events zuvor hat sich ja bereits bestens bewährt, allerdings bin ich Nerd genug, um sich auch da voller Freude drin zu verlieren und alles Stück für Stück zu optimieren. Das ist im ersten Schritt ganz einfach und kostet auch keine Geld, denn mit mehr Erfahrung fängt man, weniger Dinge einzupacken, die man unterwegs oft nicht wirklich benötigt – sprich man reduziert den „Luxus“ bei der Ausrüstung und geht gewisse Risiken ein. Man nimmt dadurch aber auch in Kauf, mitunter etwas unkomfortabler unterwegs zu sein oder auch zu frieren – aber auch hier weiss ich, dass ich damit umgehen kann und ich dieses „Leiden“ auch dem grossen übergeordneten Ziel unterordnen kann.

Der andere Schritt ist dann, dass man die komplette Ausrüstung durchforstet und auf die Jagd nach vermeintlichen besseren Dingen geht. Das heisst dann vor allem leichtere und dadurch oft auch kompaktere Ausrüstung, hochwertigere Dinge wie zum Beispiel ein Daunenquilt, Reifen mit niedrigerem Rollwiderstand oder auch ein leichteres Bike. Man muss dabei oft aber auch einen für sich passenden Kompromiss finden. Zum Beispiel können Reifen mit weniger Profil bei schlechtem Wetter oder matschigen Wegen ein grosser Nachteil sein oder man muss damit umgehen können, das man unterwegs auch mal friert – Mut zur Lücke und aushalten heisst es dann.

Das Thema Gesamtgewicht von Bike und Ausrüstung muss man dann aber auch immer ins Verhältnis zum eigenen Körpergewicht und Fitnesszustand setzen, denn insbesondere hier liegt zumindest bei mir das größte Potential verborgen 😉

Training

Füer mich hat sich das Investment in strukturiertes Training bereits jetzt voll ausgezahlt. Die letzten Jahre bin ich recht planlos unterwegs gewesen, habe nach Gefühl trainiert und gemacht, was mir in den Sinn kam. Das hat auch soweit gut funktioniert, schließlich habe ich zwei fordernde Events recht gut gefinisht. Nicht mehr und auch nicht weniger. Aber da ich ja etwas Blut geleckt habe beim Thema Ultracycling war der Schritt zum Trainingsplan und Trainer für mich logisch. Es geht nicht unbedingt darum, schneller zu werden, sondern vor allem möchte ich besser unterwegs sein – sprich ich möchte nicht jeden Tag als stetigen Kampf erleben sondern als Herausforderung, die ich gut bewältigen kann. Und wenn ich dann dabei noch schneller werde, umso besser. Die Challenge hier in Norwegen ist ja zudem, dass der Winter so lang ist und es da mit dem Radfahren draußen dann eigentlich unmöglich ist. Alternativen zu finden, zu berücksichtigen und mit einzubauen hat bisher super funktioniert. Ein guter Nebeneffekt des Trainingsplans ist aber auch, dass es keine Ausreden mehr gibt – der Trainer checkt alles und gibt Feedback. Das gibt mir Motivation, schützt mich vor zu vielem Training und Überlastung und bremst mich auch einmal, wenn ich kränklich bin. Für mich eine super Sache und meine Fortschritte zeigen mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Fueling und Verpflegung unterwegs

Meine Packliste fürs Bright Midnight 2026

Fahrrad
GravelbikeVeloheldIconX mit Carbon Gabel
LaufräderDT Swiss / SONNaben: 240 EXP SON 29S Felgen: GR531 in 28"
BereifungSchwalbeG-ONE RS Pro
SchaltungSRAMRival eTap AXS 1x12 Mullet Schaltwerk: GX Eagle AXS Übersetzung: Vorne 38 Hinten 10-52
SattelErgonSR Allroad Comp Pro
Taschen
SatteltascheOrtliebSeat-Pack
OberrohrtascheTailfinn1.6L Long Top Tube Pack
RahmentascheTailfinn3.8L Half Frame Bag
LenkertascheApiduraHandlebar Pack
StembagGrammStem Bag
RucksackSilvaStrive 10 Vest
Ausrüstung
LampeSONLadelux
RücklichtSupernovaTL3 Mini
RadcomputerGarminEdge 840
TrinkflaschenElite2x 750 ml
TitanlöffelKomootTitan Göffel
StirnlampeSilvaSmini Fly
Reparatur / Ersatzteile
Tasche TatonkaDodger Bag
KettenschlossSRAM
BremsbelägeSRAM
ErsatzschlauchTPU
DichtmilchSchwalbeDoc Blue
Kettenwax
Lappen
MultitoolGerberDime Micro
MultioolDaysaverEssential 8 & Coworking 6 TL
LuftpumpeTrekAir Rush
PumpenkopfLezyneControl Drive inkl. CO2 Kartuschen
Kabelbinder
Ducttape
Flickzeug
Elektronik
PowerbankNo Name5.000 mAh
HandyAppleIphone 15 Pro
LadekabelApple
KopfhörerShokzOpenrun Pro 2
LadeadapterApple20 Watt / USB C
LadekabelDiverseDiverse USB
ErsatzakkuSRAM
LadegerätSRAM
Bekleidung
RadschuheSpezializedRecon 2.0
HelmPOCAmidal
Schnelle BrilleEvil EyeRoadsense inkl. Clip-in
RadhoseGonsoSitivo Bib Red
RadhoseGonsoSitivo Bib Red
UnterziehshirtRaphaMen’s Lightweight Base Layer Short Sleeve
TrikotRaphaCore Jersey Merino
WesteGribGrabPacr Windproof
WindjackeBergansY LightLine Pure Windbreaker Jacke
ArmlingeGore BikewearArm Warmers
BeinlingeGore BikewearLeg Warmers
BeanieBergansWool Beanie
StirnbandFriluftsWaiho Headband
IsolationsjackeBergansRabot V2 Insulated Hybrid Jacket
ÜberschuheCraftCraft Core Hydro Bootie
RegenhoseGore BikewearEndure
RegenjackeBergansY LightLine Air 3L Shell Jacket Men
SockenGribGrab
SockenWoolpowerSkilled Liner Classic
Lange UnterhoseWoolpowerLong Johns Lite
UnterhoseBergansInner:Light Boxer
LongsleeveDevoldBreeze
HandschuheHestraSprint Short
HandschuheRoecklWindstopper
HandschuheBlack DiamondWaterproof Overmitts
Schlafen
IsomatteExpedUltra 3 R Mummy
Daunen-QuiltWestern MountaineeringNanolite Quilt
BivybagSOLEscape Livy XL
Sonstiges
KulturtascheTatonkaSQZY Pouch S
Zahnbürste, Zahnapasta, Brillenputztücher, Duschgel
HandtuchFriluftsMini Irgendwas
Erste-Hilfe-Set

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