Autor

Simon

Browsing

Was packe ich bloß ein, wenn ich plane, eine solch lange Wanderung wie Norge på langs in Skandinavien in Angriff zu nehmen? Vor dieser grundsätzlichen Frage steht wohl jeder, der eine längere Tour machen möchte. Über die Jahre hat man natürlich optimalerweise schon Erfahrungen auf kürzeren Touren gemacht. Daraus ergibt sich dann irgendwann automatisch ein guter Blick auf die Ausrüstung, die es auf dem Markt gibt und die man persönlich gerne nutzen möchte. Auch die eigenen Bedürfnisse und Anforderungen an die Bekleidung und Ausrüstung, die man dann tagtäglich verwenden wird kristallisieren sich dann irgendwann heraus, man weiß, worauf es für einen ganz persönlich ankommt.

Wie alles begann und wohin es führte

Bei mir persönlich ging es damals 1999 vor meiner ersten großen Rad-Tour ganz klassisch los. Ich ließ mich in lokalen Geschäften beraten, das Internet mit seinen Foren und Informationsquellen gab es damals noch nicht in dieser Form. Erfahrene Berater in den Fahrrad und Outdoor-Geschäften der Umgebung gaben mir Tipps und Outdoor-Magazine zeigten mir verschiedene Wege und Dinge auf, die für mich in Frage kamen – und es hat alles super funktioniert!

Natürlich hat sich das über die Jahre etwas gewandelt. Vor meinen ersten richtigen Trekkingtouren habe ich mir vor allem viele Informationen im Internet angelesen, insbesondere bei www.outdoorseiten.net traf ich dabei auf geballte Outdoor-Kompetenz die mir kompetent weiterhalfen. Ich zog daraus meine Schlüsse und deckte mich mit Ausrüstung ein, die meinem damaligen Budget entsprach.

Das funktionierte sehr gut, aber alles war mir irgendwann irgendwie zu schwer. Also wurden nach und nach viele Dinge der Ausrüstung durch sehr viel leichtere ersetzt – mit dem Resultat, dass ich mich damit nicht wirklich wohl fühlte. Viele Dinge waren zwar nun sehr viel leichter, boten mir aber kaum noch Komfort. Also ging es wieder etwas in die andere Richtung.

Was ich damit sagen möchte: Man kann alles Mögliche empfehlen, ob man am Ende damit tatsächlich zurechtkommt, das muss jeder „leider“ selbst herausfinden. Klingt etwas doof, oder? Aber wenn mir ein spezieller Schuh super passt, dann kann ich den zwar empfehlen, aber ob damit jeder andere klar kommt, wer weiß das schon?

Als ich im Outdoor-Laden als Verkäufer gearbeitet habe, kamen oft Kunden und fragten mich nach ihrer Meinung, sie hatten teilweise von meiner langen Wanderung gehört. Da konnte ich ihnen oft gewisse Dinge wärmstens empfehlen, weil sie mir gute Dienste geleistet hatten, aber oft genug passte der Schuh einfach nicht oder der Rucksack drückte. So ist das nun mal, der menschliche Körper unterscheidet sich an allen möglichen Enden und Ecken bis hinein in die kleinsten Zehen. Und daher ist eigene persönliche Erfahrung durch nichts zu ersetzen – Empfehlung hin oder her! Das Angebot am Markt bietet dabei unendliche Möglichkeiten, da ist für jeden am Ende etwas dabei!

Warum nicht Ultralight auf einer Fernwanderung im Norden?

Natürlich gibt es auch noch grundsätzliche unterschiedliche Outdoor-Philosophien, wenn man sich mit dem Thema Fernwandern beschäftigt. Oft fällt dabei der Begriff UL oder Ultralight, insbesondere wenn man seinen Wanderfokus auf die Weitwanderwege in den USA wie PCT (Pacific Crest Trail) oder AT (Appalachian Trail) legt oder generell einem durchgehend gut erschlossenen (Weit-)Wanderweg folgen will. Und dann wird oft gesagt, dass man eine erfolgreiche Fernwanderung nur Ultralight bzw. mit sehr, sehr niedrigem Basisgewicht absolvieren kann.

Die Ultralight Idee ist grundsätzlich der gute Gedanke, der eigentlich jedem beim Zusammenstellen der Ausrüstung direkt kommt: Es darf nicht zu schwer sein, man nimmt nichts mit, was man nicht wirklich braucht und es soll auf meine persönlichen Bedürfnisse und Erfahrungen zugeschnitten sein. Allerdings immer mit der Prämisse, dass das Gesamtgewicht der Ausrüstung im Rucksack beim UL-Trekking nicht mehr als 5 Kilogramm wiegen darf. Denn ansonsten ist man nicht mehr im Bereich des Ultraleichten, diese 5 Kilogramm sind die selbstgewählte UL-Gewichtsobergrenze der Ultralight Community. Die Diskussion dazu, ob es sinnvoll ist eine solche Grenze zu ziehen oder nicht, ob es nicht auch anders geht oder nicht, ob nicht für jeden der Begriff „leicht“ oder „ultraleicht“ ein anderer ist,dieses Fass mache ich an dieser Stelle nicht auf, dazu gibt es insbesondere in Outdoor-Foren genügend ausufernde Diskussionen. Die Meinung zu Ultralight oder nicht ist beinahe schon ein Glaubenskrieg und was soll man zu Glaubenskriegen noch sagen? Dazu ist im Internet viel zu lesen und auch hier muss sich jeder seine eigene Meinung am besten auf eigenen Erfahrungen gestützt bilden.

Meiner Meinung nach muss man nicht unbedingt ultralight unterwegs sein, um eine erfolgreiche Fernwanderung in Skandinavien zu absolvieren. Ganz im Gegenteil, ich habe es ja schließlich auch schon selbst erfolgreich praktiziert. Zudem braucht man sich nur durch die Blogs der NPL-Veteranen wühlen, die allermeisten waren und sind dort „konventionell“ erfolgreich unterwegs. Selbst sehr große Tagesdistanzen werden insbesondere von Norwegern auch mit „normalem“ Gepäck ohne Probleme zurückgelegt.

Wenn ich meine Erfahrungen und Bedürfnisse zum Trekking in Skandinavien zu Grunde lege, kann ich an das UL-Thema direkt einen Haken machen, denn die Gewichtsgrenze von 5 Kilogramm reiße ich spielend schon alleine mit Rucksack, Zelt und Schlafsack. Aber warum?

Insbesondere wenn man plant, einmal weit außerhalb ausgetretener Wanderwege auch im Frühjahr oder Herbst unterwegs zu sein, wie es auf Teilen des E1 oder des Nordkalottledens auf einer NPL-Wanderung der Fall ist, stehen bei mir vor allem Sicherheit und auch Komfort zur Erholung im Vordergrund, nicht möglichst viele Tageskilometer. Dazu gehört für mich auch selbstverständlich die entsprechende Notfallvorsorge. 

Vor allem bei Norge på langs hat man genügend Zeit um voran zu kommen, so dass man nicht zwangsläufig jeden Tag mehr als 25 Kilometer laufen muss um es ans Ziel zu schaffen – man muss nicht wie auf den durchgehend gut markierten Trails in den USA täglich möglichst viele Kilometer zurücklegen, denn die insgesamten Distanzen sind sind bei NPL deutlich kürzer als beim PCT oder AT . 

Safety first ist für uns nicht verhandelbar

Wer schon einmal von einem Wettersturz im Fjell mit Neuschnee und Wind in Sturmstärke überrascht wurde, möchte diesen nicht unbedingt in einem Tarp als Wetterschutz erleben und ist dann froh, ein stabiles Zelt dabei zu haben, bei dem die Seitenwände möglichst bis zum Boden hinunter gezogen sind damit der Wind nicht einfach durchs Zelt pfeift. 

Auch ein warmer Schlafsack gehört für mich selbstverständlich ins Gepäck, ein erholsamer Schlaf ohne zu frieren ist nicht zu unterschätzen! Und wenn man sehr erschöpft ist, kann dann auch ein Schlafsack gerade recht sein, der eigentlich viel zu warm ist, denn man kann die zusätzliche Wärme dann gut gebrauchen! Ich habe auch schon mal in meinem Schlafsack mit einem Komfortbereich von -10° C bei deutlichen Plusgraden gelegen, es war mir gerade so warm genug, um wieder zu Kräften zu kommen.

Was ich damit sagen möchte ist, dass man zu jeder Jahreszeit in Norwegen mit jedem Wetter rechnen und auch darauf vorbereitet sein muss! Der Punkt Sicherheit und die damit einhergehende Sicherheitsmarge sind mir dabei zusätzlich sehr wichtig! Immer wieder hört man von Leuten, die Verhältnisse und Bedingungen falsch einschätzen und dann ruckzuck in der Scheiße sitzen, weil sie plötzlich unterkühlt sind oder sie keinen Schutz mehr vor den Elementen finden. Für mein Empfinden wandelt man mit einer UL-Ausrüstung zu oft entlang der Grenzen des machbaren, trifft dann etwas unerwartetes wie ein Wettersturz oder dergleichen ein, geht das Konzept schnell nicht mehr auf, das Wetter in den Bergen Skandinaviens ist für solche Dinge über einen längeren Zeitraum einfach nicht konstant genug, da muss man stets mit allem rechnen und kann sich nicht nur für die optimale Variante vorbereiten.

Auch den Einwand, es gibt ja überall noch die Hütten des DNT als Schutz vor dem Wetter, falls meine Ausrüstung nicht reicht, sehe ich kritisch. Wer einmal in richtigem Schietwetter mit nahezu White-Out Bedingungen im Nebel herum gestochert hat und die Wegmarkierungen nicht mehr findet, wird froh sein, wenn er auch ohne Hütte einen sicheren Platz für die Nacht oder zum Abwettern findet. Ich selbst habe schon mehrfach kurz vor einer Hütte mein Zelt aufgeschlagen, im Winter sogar einmal nur wenige hundert Meter entfernt, es war uns einfach zu gefährlich weiterzugehen.

Also, für mich geht Safety First vor, und damit ist die stabilere Ausrüstung in der Regel etwas schwerer. Aber man kann auch mit normaler Ausrüstung relativ leicht unterwegs sein, ein stabiles und sicheres Zelt beispielsweise muss heute keine 4 Kilogramm mehr wiegen, für die Hälfte bekommt man schon ein voll taugliches Heim für den Norden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist für uns auch, dass wir nicht einfach Ausrüstung unterwegs verbrauchen und immer wieder nachkaufen wollen, alles soll möglichst lange halten. Eine oft bei Leichtgewichts-Wanderern gefundene Blog-Artikel-Kategorie in Bezug auf Ausrüstung und Bekleidung lautet „What breaks when?“ oder „Was geht wann kaputt?“ – was natürlich interessant ist, wenn man bei den verwendeten Materialien die Grenzen des Machbaren in Bezug auf Gewicht ausloten möchte – aber so etwas soll und wird es bei uns nicht geben.

Im Folgenden möchte ich ein wenig auf die von uns ausgewählte Ausrüstung eingehen und kurz erläutern, warum wir dieses oder jenes ausgewählt haben, dabei spielt dann natürlich auch ein gewisser persönlicher Komfort auf Langtur eine Rolle für uns, wir sind beide eher komfortabel unterwegs und wollen uns dabei nach Möglichkeit auch nicht einschränken. Bisher hat dieser Weg für uns stets hervorragend funktioniert und ist unsere ganz persönliche Herangehensweise. Und das Wichtigste am Ende ist doch, dass man losläuft und Spaß hat, und nicht aus allem eine Raktenwissenschaft macht!

Disclaimer: Wir werden auf dieser Wanderung von meinen langjährigen Partnern mit Bekleidung und Ausrüstung unterstützt. Diese Bekleidung und Ausrüstung können wir dabei komplett frei wählen, es gibt keinerlei Vorgaben seitens der Partner, was wir benutzen sollen. Die Bekleidung und Ausrüstung, die wir nutzen, würden wir zweifellos auch ohne eine offizielle Verbindung zu den einzelnen Marken genau so auswählen und kaufen!

Das Zelt: Wir haben uns für ein leichtes, aber dennoch komfortables Tunnelzelt entschieden, dem Lofoten Superlight 3 Camp von Helsport. Mit der großen Apsis haben wir viel Platz, um unser Gepäck sicher und gut geschützt vor Wind und Wetter zu verstauen. Zudem bietet die geräumige Apsis die Möglichkeit, darin bei Schietwetter zu kochen (Dabei muss man zwingend auf eine gute Belüftung achten, da ansonsten Vergiftungsgefahr durch Kohlenmonoxid besteht!).

Alle Helsport Zelte verfügen über drei Lüfter, sodass stets eine gute Belüftung gewährleistet ist. Das ist insbesondere wichtig, da die Seiten des Zeltes bis auf den Boden hinunter gezogen sind, damit es bei starkem Wind oder Sturm nicht durchs Zelt pfeift. Die Mesh-Flächen des Innenzeltes sind aus eben diesen Gründen auch verschließbar. Der Clou bei diesem Zelt ist zudem, dass man die Apsis bei Bedarf nahezu komplett öffnen kann, was insbesondere bei gutem Wetter eine wunderbare Sache ist. Und das alles bei einem sehr niedrigen Gewicht von nur 2,1 kg.

Der Kocher: Auf dieser Tour werden wir bis auf wenige Ausnahmen vermutlich meistens nur Wasser zum Kochen bringen, sodass hier eigentlich ein möglichst einfaches Modell reicht. Wir setzen hier allerdings auf einen Primetech Stove Set Systemkocher von Primus, bei dem alle Bestandteile extra aufeinander abgestimmt sind. Wir versprechen uns dadurch und dank des Topfes mit Wärmetauscher einen besonders niedrigen Gas-Verbrauch. Wichtig war für uns ein sicherer Stand, daher passt für uns dieses Modell sehr gut. Oft genug schon ist uns mit einem Aufschraubkocher der Topf mit heißem Wasser darin umgefallen, weil man zu zweit im Zelt herum hantiert hat und unaufmerksam war.

Zudem wollten wir einen Kocher mit Zuleitungsschlauch nutzen, da so bei kalten Temperaturen die Möglichkeit besteht, dass man die Gaskartusche problemlos umdrehen und den Kocher so mit Flüssiggas aus der Kartusche betreiben kann. Aufschraubkocher versagen bei niedrigen Temperaturen gerne mal den Dienst, da das Gas in der Kartusche dann nicht mehr gasförmig wird, um auszuströmen, der Siedepunkt vom Gas gleicht sich dann der Umgebungstemperatur an und nix geht mehr ohne kleinere oder größere Tricks.

Die Isomatte: Keine Experimente gibt es hier, wir setzen auf die Pro-Lite Plus von Therm-a-Rest. Alle Gedanken hin in Richtung mehr Komfort werden durch die Zuverlässigkeit und einfache Handhabung egalisiert. Auf allen meinen Touren in Norwegen habe ich meine Matte schon benutzt, bisher keinerlei Probleme! Und das bei mittlerweile weit über 250 Tagen Nutzung Sommers wie Winters. Und wenn mal ein kleines Loch drin sein sollte, einfach Seam Grip und einen Flicken drauf, weiter geht’s!

Die Schuhe: Hier setzen wir auf leichtere, aber dennoch stabile Wanderstiefel. Ich bin bisher von den Alfa Orre auf allen Touren einfach nur begeistert – sie sind für mich unglaublich bequem und leicht, und dank des Mikrofaser-Materials auch sehr pflegeleicht. „Leider“ hat Anni ziemlich große Füße und benötigt Schuhgröße UK 9, sodass hier die Auswahl an Damen-Modellen sehr eingeschränkt ist. Von Hanwag gibt es den bewährten Klassiker Tatra nun auch in einer Light Version in dieser Damen-Größe, schauen wir mal, wie sich dieses Modell schlagen wird.

Bekleidung: Das wohl individuellste Thema ist natürlich die Bekleidung. Wie viel benötige ich, um mich wohlzufühlen? Wie schnell friere ich und muss ich wirklich alle möglichen Temperaturen und Wetterlagen abdecken? Oder kann ich durch geschicktes Kombinieren möglichst flexibel reagieren? Wir haben da über viele, viele Tage auf Tour in Skandinavien für uns herausgefunden, was wir benötigen und mögen und was nicht. Von daher möchte ich nur auf einen Aspekt eingehen: Die Daunenjacken in unserer Packliste. Wir haben uns das ein wenig bei den Skandinaviern abgeschaut, die das oft genau so praktizieren. Wenn man Abends sein Camp aufschlägt, kühlt man oft gerade beim Zeltaufbau oder auch tagsüber in den Pausen recht schnell wieder aus. Daher ist es dann sehr praktisch, wenn man nicht erst seinen kompletten Rucksack auspacken muss, um sich verschiedene Schichten von T-Shirts, Pullovern und Jacken überzuziehen, sondern einfach die warme Jacke anziehen kann – fertig!

Technik: Auch hier ist es schwer Empfehlungen zu geben, was nötig ist und was nicht. Aber definitiv gehören ein Notfallsender und ein GPS-Gerät in mein Gepäck, da gibt es bei mir keinerlei Diskussionen. Das Thema Notfallvorsorge haben wir ja schon weiter oben angesprochen, das ist für mich einfach selbstverständlich. Ales andere ist ganz sicher diskutabel und hängt stark von den eigenen Vorlieben ab. Eine der Änderungen zu vergangenen Touren ist dabei ganz sicher der Umstieg auf eine leichtere Systemkamera, in dem Fall von Fuji bzw. von Sony. Für unsere Anforderungen sind die Kameras ideal, sie sind kompakt und relativ leicht bei hoher Bildqualität, perfekt also auch für längere Touren!

»Hier findet ihr unsere Norge på langs 2018 Packliste«

Nur noch wenige Tage, dann geht es endlich los für uns! Die Liste mit allen Erledigungen, die noch zu tun sind, wird komischerweise nicht kürzer. Aber das kennen wir schon, irgendwann ist dann doch alles erledigt. Genau so war es auch in der vergangenen Woche, nachdem wir unseren letzten Arbeitstag hatten. Dass dieser letzte Tag am Schreibtisch auf einen 09. fiel, das kann man nur als positives Omen werten. Ganz ohne Fußball geht es halt doch nicht!

Der Umzug bzw. das Auflösen unserer kleinen Wohnung war dann ein kleiner Kraftakt. Ich sage nur 4. Stock ohne Aufzug – aber letztendlich haben wir das gut hinbekommen, auch wenn die Arme am Ende etwas lang wurden. Dank der großartigen Unterstützung der Familie und von Freunden dabei lief es am Ende ziemlich gut, auch wenn der Transporter, den wir zur Verfügung hatten, ganz schön voll war. Man könnte meinen, ein gelernter Stauer aus dem Hamburger Hafen hätte ihn so gepackt, aber nein, es waren die als Kind mühsam auf dem Gameboy erworbenen Tetris-Fähigkeiten, die es mir möglich machten, alles möglichst ohne Verluste zu verstauen.

Nun ist alles gut bei meinen Eltern verräumt, man muss sich halt ein wenig Mühe geben, wenn man alles wieder finden möchte. Alles in allem lief es mit dem ersten Schritt gen Norden sehr gut. Auch die Ummeldung ist erledigt, die Heimat hat uns wieder – nun kommt also der wirkliche Endspurt auf dem Weg nach Norwegen.

Was? Wann? Wo? Unser Plan für die Anreise

In den nächsten Tagen werden wir also unsere to-do Liste weiter verkürzen. Es müssen noch einige Blog- und Magazin-Artikel geschrieben werden, die später erscheinen werden. Letzte Kleinigkeiten mit Partner werden besprochen und dann müssen wir auch noch die letzten Lebensmittel einkaufen.

Unser Zeitplan für die Anreise ist dabei schon länger fix geplant, wir werden es da gemütlich angehen lassen. Am Morgen des 26. Mai werden wir von Iserlohn aus aufbrechen. Die erste Etappe wird uns dabei nach Kiel führen, wo wir zuerst einen Stopp in der Geobuchhandlung einlegen werden. Wer also dort aus der Nähe kommt und Lust auf einen Schnack hat, der kann gerne dort auf einen Kaffee oder so vorbei kommen. Anschließend werden wir den Tag bei meinem Sarek-Zeltnachbarn Jürgen ausklingen lassen. Auf der Sarek-Wintertour 2017 teilten wir bald zwei Wochen bei -30° C das Zelt und nun kommt es zu einem Wiedersehen, auf das wir uns alle schon sehr freuen. Und am Abend spielt dann Jürgen Klopp wieder um die Krone des europäischen Vereinsfußballs – alles ganz wie 2013!

Am nächsten Tag, dem 27. Mai, werden wir nach Hirtshals im Norden Dänemarks fahren. Von dort aus wollen wir am nächsten Tag die Fähre nach Norwegen nehmen. Im Grunde begann dort oben an der Nordseeküste unsere gemeinsame Zukunft vor einigen Jahren, als wir dort den Jahreswechsel auf einer ersten gemeinsamen Tour am Strand entlang wandernd verbrachten. Im Rückblick die schönsten Tage auf Tour, die ich jemals erleben durfte und die wegweisend für uns beide waren.

Der 28. Mai ist dann der Tag der Überfahrt nach Norwegen. Früh am Morgen werden wir mit dem Wagen auf die „MS Bergensfjord“ der Fjordline rollen und uns die frische Meeresluft um die Nase wehen lassen. Dann heißt es, die Überfahrt ganz entspannt zu genießen und sich auf Norwegen gedanklich einzustellen. Am frühen Nachmittag betreten wir dann norwegischen Boden und machen uns auf nach Oslo. Dort wollen wir das neue Repair, Redesign, Recycling Angebot von Bergans of Norway nutzen, das diese in Norwegen bereits sehr erfolgreich anbieten. Über die Jahre haben sich einige Bekleidungsstücke angesammelt, die etwas abgetragen sind und nicht mehr so oft zum Einsatz kommen. Diese wollen wir dann im Flagship-Store in Oslo zurückgeben, auf dass die Mädels und Jungs von Bergans daraus noch etwas Cooles machen können. Vielleicht haben wir dann noch etwas Zeit, um in Oslo kurz zur Oper oder so zu gehen, schauen wir mal.

Der 29. Mai steht dann ganz im Zeichen des Packens von Versorgungspaketen. Wie schon auf unserer langen Wintertour 2015 werden wir wieder im Hauptquartier von Bergans of Norway in Hokksund bei Oslo unsere Versorgungspakete packen und vorbereiten. Das Real Turmat Fertigessen aus Norwegen wartet dort bereits auf uns, die restlichen Sachen bringen wir mit und alles wird dann entsprechend vorbereitet und verpackt. Der Versand zu den entsprechenden Orten am Wegesrand übernimmt dann wie 2015 Bergans für uns. Es freut uns dabei sehr, solche langjährigen Partner an der Seite zu wissen, die uns total bei unseren Plänen unterstützen.

Am nächsten Tag werden wir dann unser Auto in Hokksund abstellen und den Zug nach Kristiansand und den Bus weiter nach Lindesnes nehmen. Der eigentliche Tourstart am Kap Lindesnes wird dann am 31. Mai sein.

Unsere Partner, unsere Unterstützung – auf ein Wort

Seit nunmehr einigen Jahren werde ich auf meinen Touren von einigen Partnern tatkräftig unterstützt. Ich bin stolz darauf, dass diese Partner wirkliche Partner sind. Sie unterstützen mich bzw. uns großartig mit Material und Kontakten, sind dabei teilweise zu echten Freunden geworden. Es freut mich dabei vor allem, dass sie mir totale Freiheit gewähren – sprich sie machen mir keinerlei Vorgaben, was ich zu tun oder zu lassen habe, ganz im Gegenteil. So auch bei der Norge på langs Tour in diesem Jahr. Und das coolste überhaupt daran ist, dass es genau die Partner sind, auf deren Produkte ich teilweise auch schon vor und während meiner langen Tour 2013 vertraut habe – damals noch ohne direkte Kontakte und Unterstützung von ihnen, die meisten dieser Partner kamen erst danach auf mich zu. Von daher, wir sind froh und dankbar über die großartige Unterstützung mit Ausrüstung dieser Firmen!

Wir werden bei dieser Tour auch wieder mit Fjordline und Visit Norway zusammen arbeiten, die uns bei der Fährüberfahrt und unterwegs mit der einen oder anderen Übernachtung unterstützen werden. Auch dies sind über lange Jahre entstandene und gewachsene Partnerschaften, die auf gegenseitigem Vertrauen fußen und bisher stets prima funktioniert haben. Auch hier möchten wir uns für das entgegengebrachte Vertrauen bedanken!

Zusammen durch Norwegen

Über die letzten Jahre hat sich so also ein großes Netzwerk in Deutschland, aber vor allem auch in Norwegen ergeben. Es macht wirklich große Freude zu sehen, dass man nicht alleine unterwegs ist, wenn man ins Abenteuer aufbricht. Es ist immer gut zu wissen, dass es viele Freunde gibt, die einen unterstützen und helfen, wenn man es benötigt. Wir freuen uns total darauf, diese Weggefährten und Freunde am Wegesrand zu treffen und zu besuchen. Beinahe überall in Norwegen wohnen Leute, mit denen ich schon lange in Kontakt bin – wir hoffen sehr, dass wir einige von ihnen besuchen können!

Und nun haken wir weiter fleißig unsere Liste ab, hauen in die Tasten und zählen die Tage und Stunden bis zum Start! Die Vorfreude wächst mit jeder Sekunde, die vom Countdown gestrichen wird!

Direkt am Wochenende nach der langen letzten HW1 Etappe ziehen wir wieder los. Diesmal nur als Tagestour, aber das tut dem Wanderspaß keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Die gute Anbindung mit den Öffentlichen macht uns die Anreise bei strahlendem Wetter ziemlich einfach. Wir lassen unser Auto in Metzingen am Bahnhof stehen, nutzen für die Hinfahrt den Zug und wollen am Abend mit dem Bus zurück sein. Alles ganz bequem und ohne Stress – besser geht’s nicht.

Der Zug verlässt pünktlich den Bahnhof und bringt uns rasch nach Bad Urach, mit uns sind am frühen Sonntag morgen nur einige versprengte Partypeople, die wohl aus Stuttgart kommen und zurück in die Heimat fahren. Waren wir früher auch mal so drauf? Ich kann mich wirklich nicht mehr daran erinnern.

Als wir den Zug verlassen stehen wir im Grunde schon mitten in Bad Urach, die ersten Wanderschilder sind schnell erkannt. Es gibt hier zahlreiche Wanderwege mit den entsprechenden Übersichtskarten, man merkt, dass man hier in einer Kurregion ist. Die Tourismus-Verantwortlichen haben sich viel Mühe bei der Beschilderung gegeben.

Wir folgen also den HW1 Schildern und gelangen bald schon hinaus aus dem Städtchen. Der Weg wird uns von nun an bergan in Richtung des Dörfchens Hülben führen. Der Anstieg ist gemächlich, lässt sich gut gehen und bietet einen herrlichen Ausblick zurück auf das morgendliche Bad Urach.

Nun geht es erstmal in den frühlingshaft lichten Laubwald, den es hier am Albtrauf oft gibt. Mitten auf einem Holzstoß sitzt jemand und scheint auf etwas zu warten oder Pause zu machen. Wir nähern uns ihm und dann gibt es erstmal ein großes Hallo!

Von Jotunheimen hin zum Albtrauf

Was für eine Überraschung! Es ist Peter, den ich im Herbst 2016 zusammen mit seinem Sohn auf der Olavsbu Hütte getroffen habe. Er wohnt in Hülben und ich hatte ihm geschrieben, dass wir heute auf dem HW1 durch Hülben laufen – und nun sitzt er hier einfach im Wald auf einem Holzpolter und hat auf uns gewartet! Wie cool!

Überaus cool ist die Geschichte, wie wir uns damals getroffen haben. Zusammen mit meiner Freundin Anni und meiner guten Freundin Johanna waren wir damals auf einer Kurztour im Fjell, wir wollten von Fondsbu / Eidsbugarden aus zum Fjellfilmfestival nach Gjendesheim wandern und in der Olavsbu Hütte übernachten. Die große Hütte war relativ voll, als wir ankamen. In der Stube saßen wir bei einer Dose Ananas am Esstisch, als Johanna zu mir sagte: „Mensch Simon, wie hast du das mit dem großen Gepäck bloß 140 Tage lang so ausgehalten? Ich fand das heute schon mega anstrengend!“, es war Johannas erste richtige Fjelltour in Norwegen. Am Tisch saßen damals Peter und sein Sohn Fabian, sie blickten ungläubig von ihren E-Book Readern auf und guckten uns fassungslos an: Beide lasen gerade mein Buch und erkannten jetzt, dass der Autor direkt neben ihnen stand!

Was für ein cooler Zufall und wir kamen direkt ins Gespräch, quatschen noch lange über alles mögliche. Am nächsten Morgen frühstückten wir noch gemeinsam und brachen alle auf in Richtung Gjendebu Hütte, wo wir die Fähre über den Gjende-See nahmen. Da Peter mit seiner Familie so wie ich im Ländle lebt, trafen wir uns nach der Tour auch zurück in Deutschland bei meinem Vortrag in Tübingen.

An diesem wunderbaren Frühlingstag treffen wir uns also wieder, sitzen kurz darauf bei Kaffee und Kuchen bei Peter im Wohnzimmer und erzählen uns gegenseitig von unseren vergangenen Touren und Plänen für dieses Jahr. Die Überraschung ist groß, als wir berichten für eine längere Wanderung nach Norwegen zu gehen.

Die Pause bei Peter fällt länger aus als gedacht, aber schön ist es, sich so entspannt über das gemeinsame Hobby auszutauschen. Wir verabschieden uns und versprechen, uns zu melden wenn wir wieder in der Nähe sind! Das machen wir ganz bestimmt!

Von Hülben aus geht es kurz entlang der Hauptstraße, bevor wir abbiegen in Richtung des örtlichen Segelflugplatzes. Hier ist heute richtig was los, von Weitem schon hört man Blasmusik und als wir uns weiter nähern, entdecken wir auch einen Bierausschank.

Flieger, grüß mir die Sonne!

Oh man, jetzt hier einfach entspannt in der Sonne sitzen und ein kühles Blondes zischen wäre jetzt nicht schlecht, aber so weit sind wir heute noch nicht gekommen. Es geht also weiter für uns, aber den Start eines Segelfliegers mit Hilfe der Motorwinde lassen wir uns nicht entgehen. Das sieht schon cool aus, wie schnell die Flugzeuge beschleunigen und wie rasch sie mit Hilfe der Winde in die Höhe katapultiert werden.

Weiter geht es ein Stückchen parallel auf dem Gustav-Strömfeld-Weg, der noch lichte Laubwald bietet etwas Schutz vor der nun schon sehr prallen Sonne. Am Boden finden wir mitunter große Flächen mit Bärlauch, die einen angenehmen Duft verbreiten. Warum zahlen die Leute im Supermarkt eigentlich viel Geld für dieses Kraut, wenn es im Frühjahr im Wald so unglaublich viel davon umsonst gibt?

Wir überqueren die Landstraße an der Neuffener Albsteige und stehen alsbald an der sogenannten Brille, einem Aussichtspunkt mit Ausblick auf die Burg Hohenneuffen. Wir lassen die Burg aber heute links liegen, wir waren schon mehrfach dort und heute steppt dort der Bär, der Parkplatz in der Nähe der Burg ist proppenvoll.

Der HW1 folgt an dieser Stelle wieder dem Albtrauf und wir entscheiden uns für eine Pause am Gleitschirmstartplatz Neuffen. Hier stehen schon einige andere Wanderer und sehen gebannt den Wagemutigen zu, wie sie sich mit ihren Gleitschirmen von hier aus in die Luft begeben. Auch einen Tandemstart können wir beobachten – ob wir selbst auch so mutig wären?


Den Abschnitt nun nach Erkenbrechtsweiler und weiter nach Owen kennen wir bereits von einer vorherigen Wanderung, aber das macht nichts, denn er ist gut zu gehen und bietet gerade am Ende einen wahnsinnigen Ausblick über das Albvorland. Und so geht es für uns schon an den Endspurt, auch wenn wir uns dafür reichlich Zeit nehmen. Gemütlich laufen wir durchs Dorf und verschwinden dann wieder im lichtdurchfluteten Wald. Die Stimmungen im Laubwald zu dieser Jahreszeit sind so cool, wenn die Lichtstrahlen sich durch das noch leicht kahle Astwerk ihren Weg bahnen.

Der schönste Fernwanderweg Deutschlands?

Am Brucker Fels ist die Aussicht bis hinüber zur Burg Teck einfach der Wahnsinn! Diese Ausblicke, die sich einem auf dem HW1 immer wieder bieten, machen den Fernwanderweg zu etwas ganz besonderem, vielleicht sogar zum schönsten Fernwanderweg in ganz Deutschland!

Die Aussicht hier ist so schön, dass gleichzeitig mit uns eine größere Gruppe anderer Wanderer dort ist, was ja zu erwarten war.

Das Tagesziel liegt nun bereits zu unseren Füßen, der Ort Owen wird heute der Endpunkt sein. Der Abstieg hinab geht schnell, der Weg ist teilweise ziemlich steil. Unten angelangt empfängt uns mal wieder duftender Bärlauch, langsam bekommen wir davon Hunger auf etwas Deftiges zu essen.

Durch blühende Wiesen führt uns der von Streuobstbäumen gesäumte Weg nun nach Owen. Der Ort ist sicher unter der Woche ruhiger als am Wochenende, wenn sich hier Touristenmassen mit laut knatternden Motorrädern und Autoschlangen hindurchwälzen, um zur weithin bekannten Burg Teck zu gelangen.

Unser Timing ist richtig gut, am Bahnhof angelangt können wir nach wenigen Minuten den Bus besteigen, der uns mit einem Umstieg in Neuffen zurück nach Metzingen zu unserem heutigen Ausgangspunkt bringt. Wir belohnen uns in Metzingen mit einem leckeren Eisbecher und machen uns dann auf nach Hause, eine weitere wunderbare Etappe auf dem HW1 liegt hinter uns!

„Wir wollen kündigen!“ Mit diesen drei Worten vor gar nicht allzu langer Zeit war endgültig klar, was uns schon seit längerem im Kopf herum schwirrte: Wir gehen zusammen auf große Tour!

Zu zweit wollen wir gemeinsam lange wandern gehen. Und zwar ohne Wenn und ohne Aber, ohne Netz und ohne doppelten Boden. Die Jobs sind gekündigt, die Wohnung auch – fünf Monate Norwegen liegen vor uns! Was für Aussichten!

Nach meinem Vortrag am 24. Mai in Hagen werden wir nach Norwegen aufbrechen, um dann um den 1. Juni herum zu starten, um vom Kap Lindesnes aus Norwegen zu Fuss zu durchwandern. Wir werden dazu viel Zeit haben und uns auch die Zeit nehmen, denn wenn ich eines weiß ist, dass es nicht darauf ankommt, möglichst schnell am Ziel zu sein, sondern auf dem Weg zum Ziel möglichst viel Zeit zu verbringen! Denn diese norwegische turglede gehört für uns einfach dazu!

Aber warum „wieder“ durch Norwegen? Warum nicht etwas anderes? Na warum denn nicht, können wir da nur antworten! Weil es einfach unglaublich schön ist, zusammen durch „unser“ Land zu wandern, weil gemeinsam alles anders ist und weil jede Tour immer unterschiedlich und niemals gleich ist. Insbesondere in einer Region, die von den unterschiedlichen Jahreszeiten dermaßen geprägt ist, wie Norwegen. Es gibt dort so viel zu entdecken, so wunderbare Menschen zu treffen und so viel zu erleben – wir freuen uns einfach wahnsinnig darauf!

Der Wunsch nach #turglede wächst und wächst

Mit jedem Vortrag und mit jeder neuen kleinen Tour kam der Wunsch auf, wieder diese großartige Freiheit zu erleben, die man erlebt, wenn man länger raus aus dem Alltag ist und hinein ins Abenteuer startet. Und so geht es nicht nur mir, sondern auch meiner Freundin Anni. Spätestens als wir uns im letzten Jahr im Narvik-Fjell trafen, Anni kam gerade von einer längeren Solotour und ich von meinem Ausflug zur OAS auf den Lofoten, war klar, der Schreibtisch ist uns auf Dauer nicht genug.

Mein Wunsch wieder aufzubrechen war nie weg, im Gegenteil, er wuchs von Tag zu Tag. Bereits damals am Nordkap war ich traurig, dass es erstmal nicht für mich weiter ging, sondern wieder der normale Alltag auf mich wartete. Was in den letzten Jahren dann passiert ist, ist für mich immer noch schwer zu begreifen, schwer in Worte zu fassen. Das große Interesse an meiner Tour von damals, die Entstehung des Buches und auch die Vorträge, die immer zahlreicher werden, sind für mich einfach unglaublich.

Bei jedem meiner Vorträge stehe ich irgendwann mitten im Vortrag einfach nur kurz da, schaue ins Publikum und muss mich kneifen, so unwirklich ist es für mich, dass an solchen Abenden oder Tagen teilweise einige hundert Leute kommen, mitunter  von weit her extra angereist, um mit mir nach Norwegen zu kommen, meine Geschichte zu hören. Erst letzte Woche in Heilbronn kam nach dem Vortrag eine Frau zu mir, die extra aus Berlin zu meinem Vortrag gekommen war, in Erlangen war eine komplette Familie aus München angereist, um sich meinen Vortrag anzuhören. Wie krass ist das denn?

Ein Vorbild für andere?

Auch die vielen, vielen positiven Rückmeldungen, die ich per E-Mail bekomme, sind einfach der Wahnsinn und lassen mich oft staunen, bei manchen E-Mails muss ich gar schlucken und habe beim Lesen einen dicken Kloß im Hals.

Ein Beispiel: Eines Tages bekam ich eine E-Mail von einer jungen Frau, die per Zufall mein Buch geschenkt bekommen hatte. Sie las es und kam zu der Stelle, an der ich im Saltfjell den Polarkreis überquere. Genau dort steckte ein Schwert im Boden, an dem eine Plakette mit einem Namen befestigt war, dazu ein Eintrag im Hüttenbuch der nahen kleinen Wetterschutzhütte. Darin wurde berichtet, dass an dieser Stelle die Asche eines jungen Mannes verstreut wurde, da dies sein Lieblingsplatz in Skandinavien gewesen ist. Diese Episode hatte mich damals sehr beschäftigt und hing mir noch lange nach. Und nun bekam ich eine E-Mail von der Ehefrau dieses jungen Mannes und hörte die ganze Geschichte und die Umstände, die dazu führten, dass die Asche dort verstreut worden ist. Wie muss es ihr wohl ergangen sein, als sie ohne jegliche Vorwarnung davon in meinem Buch las? Ich saß sprachlos vor dem Computer und mir liefen die Tränen herunter. Wie kurz kann das Leben sein? Von jetzt auf gleich kann es vorbei sein! 

Von jetzt auf gleich kann alles anders sein

Und auch so wurde mir immer wieder vor Augen geführt, wie schnell es oft gehen kann, wie schnell eine tückische Krankheit plötzlich auf der Matte stehen kann, auf die man so gar nicht vorbereitet war oder ist. Manchmal geht es dabei gut aus, manchmal aber auch leider nicht. Und oft trifft es dabei ausgerechnet die Leute, die sich für andere aufopfern, immer für andere da sind, und sich selbst nicht für wichtig nehmen, obwohl genau sie die stärksten und wichtigsten Personen überhaupt sind. Man muss einfach seine Zeit nutzen, die Konjunktive streichen und nicht auf irgendwann warten.

Auch dass sich immer wieder Leute bei mir melden, die durch mein Buch und meine Geschichte auf den Trichter gekommen sind, eine Auszeit zu nehmen und aufzubrechen, ist mir eine große Ehre. Ich wollte doch damals auch nur los, aufbrechen und eine gute Zeit haben. Dass ich damit andere inspirieren kann, es mir gleichzutun, ist einfach nur der Wahnsinn. Und als ich vor Weihnachten auch noch einen klassischen Brief meiner Grundschullehrerin bekam, war ich einfach nur glücklich und zufrieden. Ich denke in der Grundschule und auch später am Gymnasium hätten sicher alle Lehrer aus gutem Grund nicht im Geringsten daran gedacht, dass ausgerechnet ich irgendwann einmal ein Buch schreiben werde!

Ich tauge ganz sicher nicht zum großen Vorbild, bin ganz sicher nicht der große Abenteurer und habe tausend Macken, die ich mit mir herumschleppe – aber andere Menschen ein Stück weit mit seinem eigenen Handeln zu inspirieren und zu berühren, ist für mich wirklich unglaublich und zugleich aber auch total erfüllend.

Wie alles begann oder es kommt immer alles anders

Nach meiner damaligen Tour kehrte ich dann irgendwann auch wieder an einen Schreibtisch zurück. Dieser steht noch bis zum 09. Mai in der Nähe von Tübingen in einem großen Büro. Und wie das Leben manchmal so spielt, lernt man dann dort eines Tages einander besser kennen und der eine Kollege ist einem lieber, als der andere. Manchmal auch die Kollegin vom Schreibtisch gegenüber und dann merkt man irgendwann auch, zusammen durchs Leben zu wandern, das wäre jetzt nicht das Schlechteste aller Dinge, vor allem wenn beide so gerne nach Skandinavien reisen und beide den Nordlandvirus tief in sich tragen.

So nahm alles seinen Anfang und seitdem erleben wir viele Abenteuer gemeinsam – große und kleine, was halt so anfällt, wenn man sich entschieden hat, einen gemeinsamen Weg einzuschlagen. Ab und an brechen wir auch alleine auf, der eine verfolgt dann gebannt aus der Entfernung, wie es dem anderen bei seinen Touren ergeht. Als ich vier Tage lang über Ostern im Zelt auf Wintertour auf dem Jostedalsbreen saß, ebenso wie als Anni loszog, um alleine den Nordkalottleden unter die Füße zu nehmen oder von Sulitjelma aus ins Narvikfjell zu laufen. Man fiebert mit, drückt dem anderen alle verfügbaren Daumen und ist am Ende unendlich glücklich, wenn man einander wieder zu Hause in die Arme schließen kann. Sich hinterher von den Erlebnissen zu berichten und froh zu sein, dass der andere die jeweiligen Herausforderungen unbeschadet überstanden hat, ist einfach unbezahlbar!

Zu zweit macht alles doppelt so viel Spaß

Wenn wir gemeinsam auf Tour sind, haben wir schnell gemerkt, dass wir dabei ähnlich ticken, uns ähnliche Dinge wichtig sind und wir einen ähnlichen Stil haben. Uns fällt es nicht schwer, in die selbe Richtung zu gehen und Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Dabei lassen wir uns aufeinander ein, ziehen am selben Strang im selben Tempo. Es ist ein großes Geschenk, dass wir dies miteinander teilen und auf Tour zusammen so gut klar kommen, denn unterwegs lernt man sich erst richtig kennen, in einem kleinen Zelt ist nicht viel Platz, um sich und seine Macken zu verstecken. Aber dass wir miteinander unterwegs gut miteinander auskommen würden, das stellte sich schon auf unserer ersten gemeinsamen Tour in Dänemark heraus, als wir spontan beschlossen, den Jahreswechsel irgendwo an der Nordseeküste Jütlands zu verbringen.

Natürlich erzählte ich Anni auch immer wieder von meiner Norge på langs Wanderung, denn dies ist nun mal ein wichtiger Teil meines Lebens. Zwangsläufig bekam sie natürlich auch viel mit, was ich an E-Mails, Nachrichten und Zuspruch erhielt, sie unterstützt mich wo es nur ging bei Vorträgen und allem anderen, steuert eigene Fotos zu Magazin- oder Blog-Artikeln bei.

Wenn man gemeinsam durchs Leben geht, dann redet man natürlich auch über die Wege, für die man sich irgendwann entscheiden muss, um voran zu kommen. Für uns war dabei immer wichtig, dass wir vor allem leben wollen. Klar unterliegt auch unser Alltag gewissen Zwängen und Verpflichtungen, aber ein möglichst großes Haus oder ein möglichst teures Auto waren und sind dabei nie unser Ziel. Als Anni mir mit leuchtenden von den Reisen ihrer Mutter erzählte, die viele Jahre zusammen mit ihrem Freund um die Welt gesegelt ist und sie sich für sich selbst so etwas auch vorstellen konnte, war mir klar, so eine lange gemeinsame Reise möchte ich mit ihr auch irgendwann einmal machen, sollten die Rahmenbedingungen für uns passen.

Vor meiner ersten großen Tour war ich stets auf der Suche nach jemandem, der mich eventuell auf dieser once-in-a-lifetime Wanderung begleiten würde. Wer mein Buch gelesen hat, der wird schon auf der ersten Seite verstehen, dass das zum einen manchmal nicht so einfach ist und bei mir damals auch nicht geklappt habt, obwohl es immer mein großer Traum war. Man kann es einfach nicht erzwingen, und umso mehr man es erzwingen will, umso weniger klappt es oft, großer Traum hin oder her. Die Realität sieht manchmal halt anders aus, das Leben hält andere Pläne für einen bereit.

Und dann findet man das Glück genau dort, wo man es so gar nicht erwartet hat, das Leben ist verrückt und voller Überraschungen. Irgendwann standen wir auf unserer ganz persönlichen Wanderung vor der Entscheidung, welchen Weg wir einschlagen wollen. Wir unterhielten uns über das Für und Wider der einzelnen Wege, sponnen unterschiedliche Varianten und Möglichkeiten, durchdachten die Karten, die auf dem Tisch lagen. Unser Weg soll ja möglichst lang sein, daher nahmen wir uns die Zeit, die wir brauchten, um eine Entscheidung zu treffen, hinter der wir zu 100 Prozent stehen.

Umso öfter wir über die Idee einer gemeinsamen Norge på langs Wanderung sprachen, desto größer wurde der Wunsch, es wirklich zu machen. Aus der Erfahrung heraus weiß ich, sobald man darüber spricht, ist es bis zum endgültigen Schritt eigentlich nicht mehr wirklich weit. Der Gedanke daran muss sich manifestieren und man muss sich langsam auf die Herausforderungen einstellen, die einem bei solch einem Sprung ins kalte Wasser ganz sicher bevorstehen. Denn schnell war uns klar, dass wir das große Abenteuer statt der vermeintlichen Sicherheit wählen wollen. All in!

Die Arschbombe ins Glück!

Als wir unsere ganz persönliche Entscheidung getroffen hatten, sprachen wir mit Freunden und Familie, denn deren Meinung ist uns sehr wichtig. Die Rückmeldungen zu unseren Plänen waren durch die Bank überragend positiv, mitunter gar euphorisch, wir erfuhren großen Zuspruch und alle erdenkliche Unterstützung! Wow! Damit hatten wir nicht unbedingt gerechnet, aber insgeheim darauf gehofft. Der Kreis derer, die von unseren Plänen erfuhren wurde größer, wir hielten den Ball aber immer noch flach. Spätestens aber als wir vom Fernwandern Camp an der Rossmühle zurückfuhren, hatten sich letzte Zweifel zerstreut, denn auch dort war der Zuspruch von den eingeweihten Freunden unglaublich groß.

Die letzten Monate waren geprägt von Vorfreude und Planungen, vielen Planungen. Wir haben alles vorbereitet, die Wanderung und auch den Absprung von Job und Wohnung, alles fügt sich nach und nach zu einem großen Ganzen, das Bild nimmt formen an, unser großer Wunsch scheint aufzugehen. Die Unterstützung von allen Seiten ist wahnsinnig groß, alle unterstützen uns nach Kräften, wir können auf Familie, Freunde und auch meine Partner zählen – das macht uns unglaublich stolz und froh, hilft uns ungemein. Die Zeit vergeht im Fluge, die Tage rasen und bald schon ist es soweit, der letzte Arbeitstag und der Umzug ins Glück stehen auf dem Programm. Wie wir uns darauf freuen endlich loszuziehen, auch wenn noch viele, viele Dinge erledigt werden wollen. Aber umso kürzer die Liste wird, desto mehr wächst die Vorfreude!

Sicher wird nicht alles einfach werden, sondern auch viel harte Arbeit steht uns ganz sicher bevor. Wir wissen aber beide von unseren Touren und auch aus dem Alltag zu Hause, was auf uns zukommen wird. Bei der Vorbereitung haben uns auch Andrea und Ole sehr inspiriert, die im letzten Jahr eine super Tour hingelegt haben, und an den Herausforderungen unterwegs enorm gewachsen sind. Wir wollen auch aufeinander so wunderbar aufpassen, wie sie es getan haben! Lasst uns gemeinsam durch Norwegen wandern!

‚Cause love is free and life is cheap,
and as long as I’ve got me a place to sleep,
some clothes on my back and some food to eat,
then I can’t ask for anything more!

(Frank Turner in „If ever I stray“)

Endlich kann ich die Frage am Ende meiner Vorträge, wann es wieder losgeht zu einer großen Tour, mit großer Vorfreude beantworten: Am 26. Mai ist es soweit, nach Norwegen wird es gehen, um unsere gemeinsamen Träume zu leben!

Ostern steht vor der Tür und damit die Frage, was unternehmen wir an diesem langen Wochenende? Nach einigem Hin und Her rückt schnell wieder der HW1 am Nordrand der Schwäbischen Alb in den Fokus, den wir ja im letzten Jahr bereits etappenweise in Angriff genommen hatten. Wir kramen die Landkarte hervor, sehen uns mögliche Etappen an und nehmen uns vor, vom Endpunkt unserer letzten Etappe in Jungingen bis ungefähr nach Bad Urach zu laufen.

Ungefähr 70 Kilometer in drei Tagen wären das, also recht entspannt, die Tage werden ja auch gerade wieder länger. Da wir  ganz in der Nähe wohnen, können wir ja bei sehr schlechtem Wetter auch ohne Probleme abbrechen bzw. unsere Tour auch variieren, die guten Verbindungen mit Bus und Bahn machen es möglich. Gesagt getan. Die Wettervorhersage ist auch nicht schlecht und so erledigen wir noch letzte Besorgungen.

HW1 statt Hardangervidda – unsere Påsketur auf der Schwäbischen Alb

Am Gründonnerstag geht der Arbeitstag flott von der Hand und um kurz nach 16 Uhr besteigen wir den Zug Richtung Ausgangspunkt. Wir steigen zwei Mal um und sind trotzdem innerhalb von etwas mehr als einer Stunde bereits da, wo es diesmal für uns losgehen soll.

Die Rucksäcke sind noch recht voll mit Leckereien und etwas schwer, den Feiertagen sei Dank, als wir den ersten Schildern des HW1 durch den kleinen Ort Jungingen folgen. Wie immer ist der Start am Albtrauf auch mit einigen Höhenmetern verbunden, denn will man die herrlichen Aussichten hier genießen, muss man sich diese erstmal gewissermaßen verdienen. Also nichts wie los!Wir lassen das spätnachmittagliche Jungingen hinter uns und steigen durch das Naturschutzgebiet Bürgele immer weiter auf. Der Schweiß fließt mittlerweile in Strömen, der Weg wird steiler und wir halten immer mal wieder inne, um ins Killertal zu blicken. Woher dieser Name stammt, keine Ahnung, Gedanken darüber will ich mir lieber nicht machen.

Der Aufstieg ist bald darauf geschafft, der Wald um uns herum wird nun vom warmen Abendlicht durchflutet. Wir treffen nur noch ganz vereinzelt andere Leute, bald darauf sind wir ganz allein unterwegs. Am Aussichtspunkt Köhlberg erhaschen wir noch die letzten Sonnenstrahlen, die die Burg Hohenzollern spektakulär in Szene setzen.

Kurz darauf geht es weiter und wir suchen uns ein Plätzchen für die Nacht, die kurz darauf langsam einbricht. Nach einiger Zeit steht der Mond bald voll über uns, und taucht die Umgebung in eine spannende Umgebung.

In der Ferne leuchten die Lichter der nächsten Ortschaft und wir bereiten uns ein leckeres Abendessen zu. Der Auftakt dieser Etappe war ja bereits überaus vielversprechend, schauen wir mal, was der Tag morgen für uns bringen wird.

Ein Sonnenaufgang wie aus dem Oster-Bilderbuch

Die Zeltplatzwahl erweist sich als überaus geschickt, den wir werden am Morgen von den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages geweckt. Über Nacht gab es noch Frost, aber nun steigt die Sonne immer höher an den Horizont und dabei steigt auch die Temperatur im Zelt. Das Frühstück und den ersten Kaffe des Tages nehmen wir entsprechend zufrieden ein, mit wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht fällt einem doch alles ein wenig leichter.

Kurz darauf geht es für uns zurück auf den Trail bzw. den HW1. Als Tagesziel haben wir uns das etwa 25 Kilometer entfernte Wanderheim auf dem Rossberg gesetzt, es warten einige Höhenmeter auf uns. Der Weg folgt wieder dem Albtrauf, durch den lichten Laubwald kommen wir gut voran.

Bald darauf erreichen wir auch schon den Dreifürstenstein, einen großartigen Aussichtspunkt, an dem sich der Sage nach die Fürsten von Württemberg, Hohenzollern und Fürstenberg einst zu Verhandlungen trafen, denn an diesem Punkt trafen sich alle drei Fürstentümer. Wie dem auch sei, der Platz für ihre Verhandlungen war wirklich gut, und so genehmigen wir uns bei der Aussicht eine längere Pause.

Bevor es für uns abwärts nach Talheim geht, passieren wir noch den gewaltigen Bergrutsch am Hirschkopf. Hier rutschten 1983 gewaltige Erdmassen hinab ins Tal. Beim Anblick schaudert es mich ein wenig, wie es wohl gewesen ist, die Geräuschkulisse und der Anblick dieses Ereignisses müssen gewaltig gewesen sein.

Nachdem wir am Bergrutsch vorbei aus dem Wald treten, folgen wir einigen Landwirtschaftswegen hinab nach Talheim. Es ist Karfreitag und somit Feiertag, aber wir treffen nur wenige Leute und das Wetter ist immer noch gut. Was will man mehr, wir hätten gedacht, es sei mehr los.

In Talheim begrüßt uns dem Feiertag entsprechende Ruhe, niemand ist auf der Straße, die wenigen Geschäfte (in denen man im Übrigen ansonsten alle möglichen Grundnahrungsmittel bekommt) haben geschlossen, nur der Blumenladen hat offen, ach nee, man hat einfach die Waren vor die Tür geräumt und eine Selbstbedienungskasse dazu gestellt. Wir wollen bzw. brauchen aber nur etwas Wasser, zu Essen haben wir ja genug dabei.

Eine ruhige Landpartie – dem Feiertag sei Dank!

Das Trinkwasser finden wir kurz drauf am örtlichen Friedhof, der malerisch etwas oberhalb des Ortes direkt an der Talheimer Bergkirche liegt. Nach einer kurzen Stärkung geht es weiter, ein kerniger Anstieg hoch zum Riederberg liegt nun vor uns. Über schmale Pfade voller Laub aus dem letzten Jahr geht es bergan, bald 250 Höhenmeter haben wir oben zusätzlich auf der Habenseite, nur um kurz darauf wieder negative Höhenmeter einzusammeln. Es geht abwärts und dann wieder aufwärts durch herrlichen Laubwald, eine einzige Albtrauf-Achterbahn heute. Beim Gedanken an das eiskalte Ziel-Getränk auf dem Rossberg läuft mir das Wasser im Munde zusammen, während die Schweißperlen von der Stirn auf die Brille tropfen. Herrlich.

Kurz bevor wir den Aussichtspunkt am Bolberg erreichen, überqueren wir noch große Wiesenflächen. Hier pfeift der Wind ganz ordentlich, man kühlt ganz rasch aus, trotz der Sonne am Himmel.

Am höchsten Punkt im Kreis Reutlingen auf 880 Metern angelangt, erwartet uns mal wieder eine spektakuläre Aussicht. Man wird einfach nicht müde, sich staunend auf einer der vielen Bänke niederzulassen und in die Ferne zu blicken. Der Alltag ist in solchen Momenten herrlich weit weg und wenn nach jedem dieser Anstiege so ein Ausblick wartet, nimmt man die kurzen, knackigen sportlichen Einlagen doch gerne in Kauf.

Das Tagesziel Rossberg liegt von jetzt an nicht mehr weit entfernt, jedenfalls wenn man die Luftlinie betrachtet. Nimmt man aber das Höhenprofil zur Hilfe, na dann sieht die Sache schon etwas anders aus. Aber man hört die Zwiefalter-Sirenen schon vom Rossberg-Turm aus rufen: Kommt! Kommt bald! Ein eiskaltes Radler wartet hier schon auf euch!

Also los, der Abstieg zum Hirschhäusle ist schnell geschafft, von nun an geht es eigentlich nur noch aufwärts. Zum Glück ist der Anstieg über einen Forstweg gut zu gehen, auch wenn es langsam einige Körner kostet. Am Wanderparkplatz sammeln wir noch einmal kurz Kräfte und dann wartet der Endgegner auf uns, sprich der Schlussanstieg zum Wanderheim Rossberghaus. Aber auch den schaffen wir noch und nach etwa 24 Kilometern und insgesamt 800 Metern Anstieg bei herrlichstem Wanderwetter wandern dann endlich auch die Wanderstöcke in die Ecke und ein wenig platt lassen wir uns in der Gaststube nieder. Das nun servierte Kaltgetränk schmeckt mindestens so gut, wie wir es uns nach all den Höhenmetern heute vorgestellt haben.

Als wir dann aus dem Fenster der Stube blicken, ändert sich das Wetter im Nu. Große Regenfahnen ergießen sich aus den Wolken, die sich am Albtrauf stauen. Sauber, da haben wir ja alles richtig gemacht und die Entscheidung heute hier im Wanderheim zu übernachten erweist sich ebenfalls als glückliche Fügung. Kurz darauf verdunkelt sich der Himmel vor dem Fenster vollends und es wird Zeit, unser kleines gemütliches Zimmer zu beziehen und die Duschen aufzusuchen.

Zimmer statt Zelt, Regen statt Sonne

Das Abendessen schmeckt und der Durst wird ebenfalls gelöscht, ein wunderbarer Wandertag neigt sich langsam dem Ende entgegen, auch wenn es eigentlich noch früh am Abend ist. Wir sind gut geschafft, draußen regnet es Bindfäden und die Regentropfen prasseln auf das Dachfenster unseres Zimmers. Ich kann die Augen kaum noch offen halten, widme mich aber noch tapfer meinem Osterkrimi. Hygge nennt man das glaube ich – gute Nacht! 

Die Aussichten am Albtrauf? Immer gut!

Oha denke ich nur, als ich am Morgen aufwache. Ich sollte mal lieber wieder öfters wandern gehen, dann fällt der Muskelkater auch nicht so doll aus. Wir frühstücken ganz entspannt und checken dann aus, der Trail hat uns bald wieder. Wer will, kann hier im Rossberghaus sogar im Turmzimmer übernachten, die Aussichten sind vor allem bei gutem Wetter spektakulär!

Langsam starten wir in den Tag und steigen hinab vom Rossberg. Die Sonne lässt sich noch nicht blicken, aber auch so ist das Wetter super zum Wandern. Nicht zu warm, trocken, einfach perfekt.

Der Ort Genkingen ist schnell erreicht und wir stärken uns beim örtlichen Bäcker. Auch hier findet sich alles Mögliche, um sich für eine mehrtägige Tour zu versorgen. Weiter geht es, heute steht eines der absoluten Highlights dieser Etappe auf dem Programm: Das Schloss Lichtenstein.

In Lichtenstein ist die Welt noch in Ordnung

Auf und ab folgen wir dem HW1 durch die Laubwälder hin zur Nebelhöhle. Die Karte der Gastwirtschaft dort liest sich ganz hervorragend, aber es ist noch früh am Tag und wir wollen noch ein gutes Stück weiter gehen. Und so lassen wir auch die Nebenhöhle Nebelhöhle sein, weiter geht’s zum Kalkofenhaus, wo wir eine Abkürzung nach Lichtenstein nehmen. Eines der touristischen Epizentren der schwäbischen Alb erwartet uns dort, der Parkplatz ist voller Autos, Stimmen aus Russland und den USA erklingen friedlich nebeneinander beim Anstehen zur Besichtigung des Schlosses.

Wir als harte Thruhiker aber sind an der Besichtigung nicht ganz so stark interessiert, uns locken eher Apfelkuchen und Kristallweizen aus dem Selbstbedienungs-Kühlschrank der nahen Einkehrmöglickeit. So verbringen wir unsere Pause in der Sonne und lassen es uns gut gehen. Für den Abend nehme ich noch ein Bier auf die Hand mit, gut, dass der kleine Rucksack so große Fächer an den Seiten hat.

Nach der ausgiebigen Pause geht es weiter, wir wollen noch bis hinter Holzelfingen kommen. Den Abschnitt kennen wir etwas, denn der Burgenweg führte uns dort bereits auf einer Wanderung entlang. Die Aussichten hier sind wieder einmal der Knaller, man kann es nicht oft genug sagen. Selten habe ich einen Wanderweg erlebt, der so viel Spaß macht.

In Holzelfingen angelangt, stocken wir unsere Wasservorräte ein wenig auf, pausieren in der Abendsonne und stärken uns für den Tagesendspurt. Die Schritte werden kürzer, der Tag wird länger.

Gemächlich geht es weiter, irgendwo am Göllesberg wollen wir heute unser Lager aufschlagen. Am Landgasthof Stahleck bekommen wir netterweise noch Wasser, dann ist es auch nicht mehr weit bis zum Feierabend für heute.

Während ich ungläubig auf meine Handy-App und die Bundesligaergebnisse starre, finden wir einen Platz für unser gemütliches mobiles Heim. Bei den letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Tages bereiten wir unser Abendessen zu, es könnte uns schlechter gehen, das steht mal fest.

Die Nacht war etwas unruhig, der Vollmond hat einige Jäger auf den Posten gerufen, durch die Dunkelheit hallen dumpfe Schüsse, das Jagdhorn kündet im Morgengrau von der erfolgreichen Strecke. Hoffentlich musste der Osterhase nicht dran glauben!

Schnee am Ostersonntag – alles fast wie in Norwegen

Beim Frühstück rieselt ein wenig Schnee aufs Zelt, wir haben es also heute nicht eilig und lassen uns Zeit. Heute wollen wir „nur“ 17 Kilometer bis nach Bad Urach laufen, das sollten wir ohne Stress bis zum frühen Nachmittag hinbekommen.

Das Wetter ist beim Aufbruch eher usselig und ungemütlich, ein Tag auf dem Sofa wäre jetzt auch nicht verkehrt. Aber egal, wir lassen es gemütlich angehen und bald darauf erreichen wir das Schafhaus vom Haupt- und Landesgestüt Marbach. Für den interessierten Fachmann: Hier befindet sich die Schafprüfstation des Gestüts sowie Stutfohlenaufzucht und auch die Ruhestandspferde findet man hier.

Das Wetter wird nicht besser, als wir zum Wildgehege an der Eninger Weide gelangen. Nichtmal das Wild lässt sich blicken und macht es sich wohl lieber im Unterholz gemütlich. Der Blick über Pfullingen und Reutlingen ist eher mäßig, die Stimmung bei uns so langsam auch, das Wetter lädt nicht unbedingt zum Wandern ein, aber wir haben alles für uns allein, auch nicht schlecht.

Kurz lernen wir noch etwas über die hiesige Stromversorgung, wie bei der Sendung mit der Maus in der Live-Version am Speicherbecken Glems. Davon hatten wir hier noch nie gehört, spannend und wie ein Ufo hoch oben im Wald gelandet.

Zum Glück wartet kurz darauf bei dem Wetter das Wanderheim Eninger Heide mit seiner warmen Stube auf uns. Wir lassen uns auch nicht lange bitten, kehren ein. Außer uns ist nur noch ein kleiner Stammtisch rüstiger Albvereinsmitglieder dort, die sich ihr wohlverdientes Sonntagmorgen-Bier schmecken lassen. Wir halten uns an Kaffee, Kuchen und Maultaschen bevor der Endspurt des Tages auf dem Programm steht.

Das Wetter hat sich nun etwas beruhigt, aber die Landschaft ist von einer bleiernen Tristesse gezeichnet. Eine Pause gibt es jetzt nur noch am Aussichtsturm Hohe Warte, aber die Aussicht ist heute nicht der Rede wert. Schade.

Wir nähern uns nun immer mehr dem Abstieg hinab zum Bad Uracher Wasserfall. Der Wind bläst die Regentropfen hier oben auf der offenen Wiesenfläche beinahe waagerecht, ein Sturm in der Waschküche, erfüllt von Sprühnebel. Die Ausflugslokale haben heute sicher mit einem großen Ansturm gerechnet, aber die Leute bleiben vermutlich lieber daheim in der gemütlichen Stube.

Der Abstieg hinab zum Wasserfall ist glitschig und steil, heute leider keine Genusswanderung, denn immerhin wurde der hiesige Wasserfallsteig 2016 zum schönsten Wanderweg in Deutschland gewählt.

Am eigentlichen Wasserfall gucken wir nur kurz nach dem Weg, entscheiden uns für die etwas kürzere Variante zum Bahnhof Uracher Wasserfall. Gegen 15 Uhr erreichen wir unser Etappenziel, passend dazu öffnet der Himmel seine Schleusen, na schönen Dank auch!

Der HW1 – net schlecht!

Uns aber ist es egal, denn die Tage auf dem HW1 waren wieder ganz wunderbar. Schnell holen wir den Gaskocher hervor und machen uns ein Heißgetränk, warten so gemütlich auf die Bahn, die uns bald schon wieder zurück nach Hause bringen wird. Und so liegen drei abwechslungsreiche und schöne Tage auf dem Nordrandweg der Schwäbischen Alb hinter uns. Der Weg hat uns auch diesmal sehr gefallen, wir waren oft ganz alleine unterwegs und die Mischung aus touristischen Hot-Spots, Aussichten, schmalen Pfaden und kleinen Orten ist absolut empfehlenswert. Die nächste Etappe ist schon in Planung, während die Waschmaschine ihre Runden dreht und die Ausrüstung wieder trocken im Keller verstaut ist.

Jeder der mein Buch gelesen hat, jeder der schon mal auf einem Vortrag von mir war, hat schon von ihm gehört und gelesen: Martin Kettler aus der Schweiz. Mit ihm verbindet mich seit 2013 das freundschaftliche Norge på langs Band weit über unsere beiden Touren durch Norwegen hinaus, die wir damals antraten.

Wir waren beide auf der Suche nach dem Weg zum Nordkap und haben ihn letztendlich auf unterschiedliche Art und Weise gefunden. Während meiner Tour damals war ich total betrübt, als ich in Kalhovd in der Hardangervidda von Martins Abbruch erfuhr. Er war so gut unterwegs gewesen, hatte sich so gut und über Jahre hinweg vorbereitet und so viel investiert – und dann das!

Ein Schweizer Hansdampf mit vielen Talenten

Wenn ich an Martin denke, bin ich immer wieder erstaunt, über welche Talente dieser bescheidene Schweizer aus dem Haslital verfügt. Ich würde vieles darum geben, wenn ich Hubschrauber fliegen oder mit einer Band über Jahre hinweg erfolgreich auf der Bühne stehen könnte – Martin macht dies schon lange und macht vor allem nicht viel Aufhebens darum.

 

#meiringen #haslital #schweiz #wetterhorn #norgepålangs #simonpåtur #norgepålangs2013

Ein Beitrag geteilt von Simon Michalowicz (@simonpatur) am

Gerne denke ich auch daran, als ich nach meiner Tour im November 2013 in die Schweiz kam, um Martin zu treffen und unsere Touren Revue passieren zu lassen. Da hatten wir uns schon so viel geschrieben, so viel ausgetauscht und so viel gegenseitig geholfen, da war dann das persönliche Kennenlernen lange überfällig gewesen. Und es war so cool, sich gegenseitig die Erlebnisse zu erzählen und auch ein wenig zu fachsimpeln. Denn wenn ich ehrlich bin, außer Martin gab es damals nicht viele Leute, mit denen ich mich über Norge på langs so richtig unterhalten konnte.

Ein Buch zum träumen, das Fernweh weckt

Und nun liegt ein Buch bei mir auf dem Tisch, das ich beinahe in einem Zug durchgelesen habe. Lange hatte Martin sich etwas geziert, seine Norge på langs Erlebnisse niederzuschreiben. Er hatte ja schon viele Vorträge gehalten und auch schon in seinem Blog ausführlich darüber berichtet, aber wie viele Leute sprachen ihm zu, sich an den Schreibtisch zu begeben. Denn es gibt noch so viele kleine Geschichten am Rande, die es wert sind erzählt zu werden.

Aus eigener Erfahrung weiß ich ja auch, dass es ein ganz anderer Schnack ist, ein Buch zu schreiben. Damit kann kein Vortrag und kein Blogbeitrag mithalten, denn in der Dichte ist ein Buch immer noch etwas ganz Besonderes. Und zwar nicht nur beim Lesen, sondern auch beim Schreiben. Man betrachtet seine Erlebnisse beim Schreiben aus einer ganz andere Perspektive, muss die richtige Balance finden zwischen Erzählungen und Vorankommen. Man kann nur schwerlich ausschweifen und muss direkt auf den Punkt kommen, jedes Wort bekommt eine Bedeutung. Ist das Buch dann erstmal gedruckt, gibt es auch kein Zurück mehr. Da muss dann alles stimmen. Einen Blogbeitrag kann man unendlich oft editieren, ergänzen und erweitern. Beim Buch sind die Vorgaben da sehr viel enger, aber das macht auch den besonderen Reiz aus. Umso vielfältiger vor allem die elektronischen Medien werden, umso besonderer werden in meinen Augen Bücher. Denn wenn man ein Buch liest, gibt es nichts außer dem Lesen. Kein Klicken, kein Scrollen – es fällt einem sehr viel einfacher, komplett in die Geschichte des Autors einzutauchen.

Det ordner seg – auch wenn man zwei Anläufe benötigt

Dieses Eintauchen und Mitnehmen auf seine Reise gelingt Martin mit seinem Buch ganz hervorragend. Man merkt, da geht einer ganz auf in der Sache, die er sich vorgenommen hat. Ich jedenfalls habe es sehr genossen, mit Martin durch Norwegen zu wandern, mehr über ihn und seine Tour zu erfahren. Dabei bleibt er sich immer treu, verliert nie das Ziel aus den Augen und geht die Sache doch oft auch mit der nötigen Prise Humor an. Ich kann „Schritt für Schritt nordwärts: 3000 km durch Norwegen vom Südkap zum Nordkap“ nur jedem empfehlen, der gerne im Norden auf Tour geht. Man muss sich ja nicht gleich eine solch lange Wanderung vornehmen, aber nach der Lektüre von Martins Buch bekommt man ganz sicher Lust darauf, sich vielleicht auch irgendwann einmal an das Schild am Kap Lindesnes zu stellen, um seinen ganz persönlichen Norwegen der Länge nach Traum in Angriff zu nehmen.

Nachdem ich Martins Buch gelesen, was sage ich, verschlungen habe, durfte ich ihm ein paar Fragen dazu stellen.

Du wolltest ja eigentlich gar nicht ein Buch schreiben – warum nun doch?

Es waren die vielen tollen Reaktionen auf meine Reiseberichte in meinem Blog norgepalangs2013.com die mich dazu motiviert haben, mal alles in irgend einer Form niederzuschreiben. Aber ein Buch herauszugeben war mit Sicherheit noch nicht der Plan, davor hatte ich grossen Respekt. Nicht ganz unschuldig am Entscheid es dann doch zu tun, ist ein gewisser Simon Michalowicz, der mich in mehreren Mails dazu ganz sanft ermutigt hat.

Warum hast du dein Buch bei Tredition herausgebracht?

Überraschend schnell hatte ich zwei Angebote von größeren Verlagen für die Herausgabe des Buches erhalten. Doch nach Prüfung der Angebote hat mir irgendwie die gestalterische Freiheit gefehlt. Ich hatte nach der Fertigstellung des Manuskripts ein Buch vor Augen und dies war bei beiden Verlagen nicht machbar. Tredition konzentriert sich vollständig auf Self Publishing und lässt dem Autoren alle Freiheiten, das Buch nach seinen Wünschen zu gestalten und zu planen. Hinzu kommt ein hervorragender Support, der in allen Bereichen jegliche Hilfestellung bietet und zu jeder Zeit mit Rat und Tat an der Seite steht. Self Publishing bedeutet aber auch eine gewisse Mehrarbeit im Marketing und „Klinken putzen“ gehört zum Geschäft dazu, was keinerlei Nachteil ist, da man so jederzeit persönlich mit den Interessenten zu tun hat.

Wie war es, wieder in die Tour(en) einzutauchen?

Ein absolut unglaubliches Flashback. Allein 200 Seiten entstanden 2017 in Südschweden in einem kleinen Ferienhaus am See. In solch einer Atmosphäre zu „arbeiten“ und tief ins Erlebte einzutauchen, das war schon sehr emotional und hat mich manchmal auch an meine Grenzen gebracht. Das Manuskript zu schreiben, war aber wohl die genialste Art der Verarbeitung dieser Tour überhaupt und hat mich sehr bewegt, und vielleicht auch ein klein wenig stolzer über die Leistung gemacht.

Hand auf Herz, manchmal auch keinen Bock mehr auf die ganze Arbeit gehabt?

Kein Gedanke! Im Vorfeld hätte ich 1:1000 gewettet, dass ich das nie schaffen würde. Ich bin von Natur aus überhaupt kein Schreiberling und das ganze Projekt „Buch“ schien mir ein unüberwindbares Abenteuer. Doch als ich begann und mich in meine Geschichte wieder hineinlebte, konnte ich streckenweise kaum mehr aufhören und Unterbrechungen wurden beinahe zur Qual.

Hattest du unterwegs ein Tagebuch geschrieben?

2013 und 2015 hatte ich begonnen damit. Ich glaube auf beiden Etappen dauerte es gerade mal 3-4 Tage und es wurde mir schon wieder zu Last. Wie schon gesagt ist schreiben für mich kein Wellness-Urlaub und ich tue mich sehr schwer damit. Hingegen verfüge ich über ein enorm gutes Erinnerungsvermögen und kann die Informationen und Erlebnisse über lange Zeit immer wieder gut abrufen. Das einzige was ich aber schon fast akribisch gemacht habe, war das Daten sammeln. Am Abend habe ich die Kilometer nachgemessen, die Art des Weges bestimmt, das Wetter aufgeschrieben und irgendwelche Besonderheiten vermerkt.

Hat dir jemand beim Schreiben geholfen?

Beim Schreiben nicht, hingegen wurde das Buch lektoriert. Als ich das Manuskript mit über 360 Seiten fertiggestellt hatte, informierte ich mich über ein Lektorat und die Korrektur. Leider hatten sich mögliche Optionen gerade selber in einer Buchherstellung befunden und so kam mir das pure Glück in Form meiner Stiefmutter zur Hilfe. Sie hat über viele Jahre lektoriert und sie bot mir an, sich mal hinter mein Werk zu machen. Wir kannten uns noch nicht allzu lange und auch noch nicht besonders gut, was sich aber nun mit dem Lektorieren extrem änderte. Ein solch unglaublicher Glücksfall ist eigentlich unmöglich und doch ereilte mich dieser. Die Zusammenarbeit und die vielen Gespräche mit ihr waren unendlich wertvoll und hat uns zusätzlich menschlich sehr viel näher gebracht.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn du schreibst?

Pro Wort einen gelaufenen Kilometer! Ungefähr so kam es mir vor. Das schreiben fiel mir eigentlich viel leichter als ich vermutet hatte: Laptop auf und rein in die Tastatur. Sobald sich ein gewisser Schreibstau bemerkbar machte, schloss ich den Laptop und zog meine Schuhe an und lief einfach los. Ich bin ein extremer Gedankenmensch und sobald ich loslaufe, läuft auch gleich mein Gehirn los. Es rattert wie von selbst und all die Erinnerungen stehen plötzlich vor mir, wie wenn es erst gestern gewesen wäre.

Wie war es für dich, persönliche Dinge im Buch preiszugeben?

Ich bin in „Schritt für Schritt nordwärts“ sehr viel weiter ins Persönliche reingegangen als mir manchmal lieb war. Im Lektorat musste ich mich doch ab und zu dazu entschließen, etwas mehr zurückzustehen. Doch es war auch mein Plan, nicht „nur“ einen Reisebericht zu schreiben, sondern auch tiefer hineinzugehen in das Thema Fernwandern. Oftmals habe ich Bücher gelesen, in denen mir jegliche Persönlichkeit gefehlt hat. Oder dann waren wahre Offenbarungen wiedergegeben worden, denen ein Nichtbeteiligter kaum folgen kann. Ich wollte meinem Buch den Touch Persönlichkeit geben, über den man vielleicht nicht gerne schreibt oder den man auch eher als belanglos ansieht. Doch die Tour besteht nicht nur aus Highlights und Wundern, oftmals ist die „harte“ Realität nicht so romantisch wie man sich das vielleicht vorstellen mag. Die überaus herzlichen und positiven Reaktionen auf diese Schreibweise zeigen mir, dass es der richtige Weg war.

Was hast du beim Buchschreiben über dich selbst bzw. auch über deine Touren noch gelernt?

Eine ganze Menge, beiderseits. Für mich persönlich bedeutet die absolvierte Norge på langs-Tour einen gewaltigen Schritt in meiner Lebenseinstellung. Auch wenn ich vorher keineswegs ein Griesgram oder Pessimist war, gibt es für mich heute halbvolle Gläser und keine halbleeren mehr. Ich wurde bei meinen Vorträgen immer wieder gefragt „bist Du nun ein anderer, neuer Mensch geworden?“. Meine Antwort war so lakonisch wie ehrlich „wenn ihr einen anderen wolltet, habt ihr Pech gehabt. Falls ihr mit dem Gleichen zufrieden seid, so habt ihr wohl Glück gehabt“! Die Sichtweise auf mein Leben wurde vielfältiger und der Horizont viel weiter und offener. Ich glaube sogar, dass ich heute viel demütiger geworden bin.

Wie waren die bisherigen Reaktionen auf das Buch?

Schlicht unglaublich positiv! Meine Erwartungen wurden um ein Vielfaches übertroffen und die Reaktionen gehen mir oft sehr ans Herz. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Menschen so mitgehen mit der Geschichte, das freut mich unheimlich und gibt mir viel zurück! Und es gibt auch die absolut amüsanten Reaktionen wie jene, welche Dein Buch zuerst gelesen haben und „diesen Martin“ aus der Schweiz aus Deiner Sicht etwas kennengelernt haben und nun „den Simon“ aus meinem Buch von einer anderen Seite kennenlernen

Und was kommt jetzt? Gehst du auf große Lesereise?

Die Anfragen häufen sich tatsächlich. Geplant sind schon einige und es werden wohl noch viele dazukommen. Nach den 18 Live-Reportagen 2016 ohne das Buch, freue ich mich nun auf die folgenden mit dem Buch und dem Einbau von gelesenen Passagen. Neu wird es an ausgewählten Orten 2018 auch von mir Live eingespielte Musik zu den Bildserien geben, dies wird eine zusätzliche Challenge geben. Die große Herausforderung werden aber sicher die zum Teil kleinen Vortragsorte sein. Waren es 2016 die großen Säle, möchte ich auf der neuen Tour näher an das Publikum herankommen und auch genügend Zeit haben, um nach dem Vortrag persönliche Fragen zu beantworten.

Das Buch „Schritt für Schritt nordwärts: 3000 km durch Norwegen vom Südkap zum Nordkap“ von Martin Kettler ist in jeder gut sortierten Buchhandlung erhältlich oder direkt beim Tredition Verlag.

Mehr zu Martin und seinen Touren findet ihr auch auf seinem Blog www.norgepalangs2013.com


Zu Ostern in die Hardangervidda – na ob das eine gute Idee ist? Halb Norwegen soll ja zu dem Zeitpunkt dort auf Skitour unterwegs sein. Aber die einfache und praktische Anreise bequem per Bahn von Oslo aus nach Finse ist für uns einfach zu verlockend! Wir werden es wagen, uns selbst ein Bild machen, um einmal norwegische Winterturglede zu Ostern zu erleben.

Und wenn die Hütten wirklich so voll sein sollten, dann wird uns das herzlich egal sein, wir werden einfach unser Zelt mitnehmen und uns jede Menge Zeit nehmen. Da es zudem für meine Freundin Anni die erste Wintertour ist, spricht einfach alles dafür, dort eine Runde zu drehen, denn die Routen sind markiert und es gibt zahlreiche Hütten, falls uns das Wetter doch einmal zu garstig werden sollte.

Wie es uns dabei ergangen ist und ob wir tatsächlich mit halb Norwegen zur gleichen Zeit unterwegs waren, davon berichte ich in der Januar Ausgabe des Trekking Magazin! Viel Spaß beim Lesen!

Am Samstag vor dem dritten Advent war ich in Tübingen auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs. Wenigstens einmal in der Vorweihnachtszeit wollten wir die schöne Atmosphäre in der hiesigen Altstadt zur Vorweihnachtszeit genießen. Nach anderthalb Stunden waren wir wieder daheim, so unwohl haben wir uns in den Menschenmassen gefühlt, die sich dicht gedrängt durch die Gassen geschoben haben. Die Vorweihnachtszeit ist für mich eigentlich die Zeit im Jahr, um einmal zur Ruhe zu kommen und richtig entspannt durchzuatmen, und nicht sich in den größtmöglichen Trubel zu stürzen.

Das vergangene Jahr hat wieder einmal viele wunderbare Momente für mich bereit gehalten. Es fällt mir immer wieder schwer, einiges davon zu begreifen. Als ich zum Beispiel in Erlangen in der wahnsinnig großen Halle vor der riesigen Leinwand stand und von meiner Tour berichtete, musste ich wirklich kurz innehalten und mich kneifen.

Es ist einfach unglaublich, wohin mich mein damaliger Entschluss meinen Job zu kündigen und ins Abenteuer zu stürzen mittlerweile geführt hat. Auch vor kurzem in Tübingen während meines Vortrags in so wunderbar gemütlicher Atmosphäre habe ich oft daran gedacht, was für eine unglaubliche Möglichkeit ich damals beim Schopfe gepackt habe, ohne vorher wirklich zu wissen, was auf mich zu kommt.

Ein Jahr voller Highlights

Aber wenn ich an das letzte Jahr zurück denke, dann sind mir insbesondere die wahnsinnig eindrücklichen Reisen in den Norden haften geblieben. Egal ob die Wintertouren im Sarek und der Hardangervidda oder auch die herbstliche Zeit im Narvikfjell und auf den Lofoten – ich habe mich dort unterwegs einfach so wohl gefühlt!

Auf der Bühne zu stehen und von meiner Tour zu berichten und euch mitzunehmen nach Norwegen ist einfach ein unglaublich schönes Gefühl, der Zuspruch und die Rückmeldungen dazu sind echt unbezahlbar, aber im herbstlichen Fjell zu stehen, die glasklare Luft einzuatmen und die bunten Farben zu bestaunen oder auch krasse Nordlichter über dem Zelt zu bestaunen, das ist einfach das Beste überhaupt und mit nichts zu vergleichen.

Auf dem Weg zu neuen großen Abenteuern irgendwann bin ich aber einfach unendlich dankbar für alles, was ich auch im letzten Jahr wieder erleben durfte. Eine ganze Reihe von Vorträgen quer durch das Land waren einfach grandios und ich hoffe sehr, dass ich noch einige Vorträge mehr halten darf, denn es macht so viel Freude, in die begeisterten Gesichter der Zuschauer zu blicken und sie vielleicht anzustiften, einige Konjunktive im Leben zu streichen.

Im Hintergrund arbeite ich mit Hochdruck daran, Termine im neuen Jahr kreuz und quer durch die Republik festzumachen, die neuen Termine werde ich euch im neuen Jahr umgehend mitteilen sobald sie fix sind.

Wie war denn das letzte Jahr?

Mit großer Freude blicke ich auch auf die zahlreichen Magazin-Artikel, die im letzten Jahr erschienen sind und in denen ich von meinen Touren und Abenteuern erzähle. Es freut mich sehr, dass es den Lesern gefällt und ich auch über meine Herangehensweise an Touren berichten darf. Ich selbst lese solche Artikel auch sehr gern und informiere mich über alles mögliche, bin ich doch selbst in vielen Dingen nicht so erfahren, wie es vielleicht manchmal erscheint.

Zelten bei Minus 30° Celsius? Herzlich Willkommen im Sarek

Um all die Dinge, die im vergangenen Jahr auf meinem Schreibtisch gelandet sind wegzuschaffen, ist leider oftmals der Blog etwas zu kurz geraten. Gerne würde ich noch den Reisebericht über die Sarek Wintertour fertigstellen, aber ich fürchte, das wird leider noch ein wenig dauern. Schade, denn die Erinnerungen an diese gigantische Tour sind immernoch so präsent, denn so lange Zeit bei so tiefen Temperaturen mit Zelt unterwegs zu sein, das war für mich total neu! Eine ganz besondere Erfahrung, so eindrücklich und intensiv, unglaublich!

Unter Gleichgesinnten beim Fernwanderncamp

Eines der absoluten Highlights in diesem Jahr war auf jeden Fall das Fernwandern Camp im November. Ich bin immer noch total platt, wie viele Leute dort hin kamen und wie entspannt das ganze ablief. All die Leute die dort waren, haben dieses Wochenende zu etwas ganz besonderem gemacht. Es war einfach so cool, sich dort in relaxter Atmosphäre über unser gemeinsame Leidenschaft auszutauschen.

Ich meine klar ist es toll, dass man über viele Touren im Internet lesen kann, das man sich in Foren austauschen oder Leuten virtuell auf ihre Touren begleiten kann, aber sich so ganz klassisch offline zu treffen, das ist für mich trotz alles Social Media und Internetgeschichten das Salz in der Suppe. Und wir werden das ganz sicher wiederholen, ganz sicher!

Unterwegs am Albtrauf

In diesem Jahr haben wir auch unsere Wahlheimat im Ländle zu Fuß erkundet und uns dabei für den HW1 Wanderweg immer entlang des Albtraufes entschieden. Selten hat mich eine Wanderung so positiv überrascht und begeistert. Manchmal muss man gar nicht weit reisen, um dem Alltag etwas zu entfliehen und ein kleines, aber feines Abenteuer zu erleben. Gerade im Herbst ist der Weg einfach fantastisch gut zu gehen, ein klares Plädoyer für heimatliche Streifzüge! Gerne denke ich auch zurück an die wunderbare Fahrt mit dem Faltboot durchs wilde Donautal – wie fantastisch schön doch auch Deutschland ist!

Einige der schönsten Sätze im letzen Jahr habe ich dann bei Andrea und Ole gelesen, deren Blog über ihre Tour zum Nordkap ich einfach verschlungen hab. Ich hab große Hochachtung vor ihrer Leistung und wie sie ihr großes Abenteuer gemeistert haben. Zu ihrer Ankunft am Nordkap schrieben sie folgende Gedanken, die ich einfach so wunderbar finde:

Dann setzten wir uns, nahmen uns in den Arm und vergaßen alles um uns herum. Wir hatten so gut aufeinander aufgepasst. Und es gemeinsam geschafft. Wie oft hatten wir es verflucht. Wie oft hatten wir überlegt, nicht weiter zu gehen und nach Hause zu fahren. Wie oft hatten wir es geliebt. Und jetzt fiel alles ab.

Ut på tur – aldri sur! So einfach ist das eigentlich

Das schöne aber an den ganzen Vorträgen, Reiseberichten und Photos ist, dass man das, was man dort zeigt und erzählt, ja selbst erlebt, empfunden und gemacht hat. Ohne aufzubrechen und loszuziehen, ohne vom Schreibtisch oder der Couch aufzustehen, wäre das einfach nicht möglich. Wenn man nichts erlebt oder gesehen hat, kann man auch nicht darüber berichten. Und deshalb gilt es weiterhin für mich, daran zu arbeiten, die Konjunktive im Leben wieder kleiner zu halten. Das ist mein Ziel, das habe ich mir fest vorgenommen für 2018.

‚Cos love is free and life is cheap,
as long as I’ve got me a place to sleep,
clothes on my back and some food to eat,
then I can’t ask for anything more!

In diesem Sinne möchte ich euch allen ein besinnliches und frohes Weihnachtsfest im Kreise eurer lieben wünschen! Lasst es euch gutgehen und schmiedet fleißig Pläne für 2018! Genau so werde ich es angehen! God Jul!

So geht Outdoor! Das Globetrotter Handbuch „1000 Tricks für Draussen“ rund ums Thema Draußensein ist in dieser Woche erschienen. Und ganz egal ob man eine Tour planen will, seine Outdoor-Skills erweitern will oder sich einfach wegträumen möchte – all das kann man mit diesem kompakten Magazin. Auf 146 Seiten gibt es alle möglichen Tipp und Tricks: Vom richtigen Zeltaufbau über Erste-Hilfe bis hin zur Ernährung auf Tour. Garniert wird das Ganze durch Erfahrungen aus der Praxis von Leuten, die selber gerne draußen unterwegs sind und schon viel erlebt haben. Mit großer Detailversessenheit wird eigentlich alles erklärt, was man wissen muss, wenn man losziehen möchte. Auch unterschiedlichste Materialien und Konstruktionen von z.B. Schlafsäcken oder Bekleidungsstücken werden ausführlich erklärt.

Tut mir leid, wenn ich aus dem Schwärmen nicht mehr heraus komme, aber das Magazin ist echt ein cooles Teil, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt, um einfach darin herum zu schmökern. Man munkelt sogar, dass professionelle Outdoor-Leute es als Reinkarnation des legendären Globetrotter Katalogs feiern, der nun wirklich in jedem Outdoor-Laden heimlich unterm Tresen lag, so gut und umfangreich wurde darin alles Mögliche erklärt.

Aber warum schreibe ich das alles? Nicht nur, weil ich das Magazin jedem Outdoorer als perfektes Geschenk zu Weihnachten ans Herze legen möchte, sondern vor allem auch, weil ich einen kleinen Beitrag dazu leisten durfte. Was nehme ich mit auf Tour nach Norwegen? Was macht Norwegen so besonders? Und was sind meine ganz persönlichen Tipps und Tricks? Nun, darüber berichte ich hier auf insgesamt acht Seiten. Also, zieht euch den Appetithappen rein und dann ganz, ganz schnell ab zum Kiosk und holt euch das Heft! Es lohnt sich! Versprochen! Viel Spaß beim Lesen und Schmökern!

 

„Ich bin keine Elfe“ und „keiner der wettergegerbten, hageren Nordwand-Haudegen, die man sonst so auf Vorträgen über ihre Bergabenteuer sieht“ – womit eigentlich alles gesagt wäre! Am 12. Dezember durfte ich in Tübingen einen Vortrag über meine lange Norwegen der Länge nach Wanderung halten. Der Vortragsraum der örtlichen DAV Sektion im B12-Kletterzentrums platze aus allen Nähten und die Atmosphäre war echt gemütlich, fast wie daheim im Wohnzimmer.

Es hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht, als „Neigschmeckter“ die Leute mit auf Wanderschaft in den Norden zu nehmen. Besonders hat mich gefreut, dass ich dabei viele mir bekannte Gesichter dort begrüßen durfte. Ich denke, der Abend hat nicht nur mir sehr gut gefallen und der entsprechende Bericht im Schwäbischen Tagblatt gibt dies auch so wieder. Hoffentlich habe ich nicht wirklich sooo viel über Essen geredet, aber wenn dann lag das ganz bestimmt an der Vorweihnachtszeit mit all ihren Leckereien! Viel Spaß beim Lesen!

Kennt ihr das? Es schifft wie sau, der Wind kommt direkt von vorne und du fühlst dich dennoch total wohl in deiner Haut! Du bist dein eigener Kapitän auf großer Wanderung, stehst auf deiner eigenen Brücke und gibst selbst die Richtung vor. Genau von solch einer Tour berichte ich in der aktuellen Ausgabe des Walden Magazins.
Schlechtes Wetter ist manchmal gar nicht so übel, wie es im ersten Moment scheint. Dann macht es richtig Spaß, sich den Elementen zu stellen, die Herausforderung anzunehmen und einfach das Beste aus der Situation zu machen! Genau so ging es uns damals, als wir zwischen den Jahren die dänische Nordseeküste hinauf gewandert sind. Wie es sich seinerzeit anfühlte? Das lest ihr hier!

Denn neben vielen anderen Leuten die gerne draußen unterwegs sind, durfte ich von diesem besonderen Erlebnis in der „Schlechtwetter“-Ausgabe des Walden Magazins erzählen!

Wir sitzen stinkend, aber glücklich im Auto. Alles ist verdreckt von der nach stundenlangem Dauerregen völlig versumpften Wiese auf dem Campingplatz Rossmühle. Es riecht im Wagen, als würden wir gerade ein große Ladung frisch geräucherten Schinken ausliefern. Das Grinsen im Gesicht will aber gar nicht mehr weggehen! Was für ein cooles Wochenende liegt nun leider schon hinter uns, als wir langsam vom Campingplatz rollen und uns auf den Heimweg machen.

Wie alles begann – oder wir machen das jetzt einfach

Zeitsprung. Schon seit langer Zeit schwirrte in meinem Kopf der Gedanke an ein Wochenende herum, bei dem man sich irgendwo mit Gleichgesinnten trifft, um über alles rund ums Fernwandern in entspannter Atmosphäre zu quatschen. Ich bekomme beinahe täglich zahlreiche E-Mails und Nachrichten zu diesem Thema, helfe und gebe Tipps wo ich nur kann. Aber über solche Dinge einmal persönlich zu reden, das wäre ja eigentlich so viel cooler oder nicht?

Ich sprach mit einigen Leuten über diese Idee. Auch mit einigen Herstellern, die mich unterstützen. „Eine super Idee, das müsste man auf jeden Fall mal machen, das wäre total super!“ so war der einhellige Tenor dazu. Aber irgendwie bekam die Sache nicht den nötigen Schwung, es wurde viel geredet, aber nichts gemacht. So entschloss ich mich im Sommer einfach selbst dazu, das Thema anzugehen. Es sollte ein Wochenende am Lagerfeuer werden, nichts Kommerzielles, wo man Eintritt zahlen muss, und an einem zentralen Ort in Deutschland stattfinden, sodass möglichst viele Leute die Gelegenheit bekämen, vorbeizuschauen. Parallel schrieb ich Carsten Jost von fastpacking.com an, ob er nicht Lust hätte, bei solch einem Treffen mitzuhelfen. Carsten ist eine feste Größe in der hiesigen Ultra-Light Fernwandernszene, er gibt Kurse zu diesem Thema und ist unter den Outdoor-Bloggern dank seines Outdoor Blogger Networks super vernetzt. Auch hier war das Feedback total positiv und ich wurde in meiner Idee bestärkt.

Wie organisiert man sowas überhaupt?

Ich war allerdings ziemlich unsicher und hatte keine Ahnung, wie viele Leute wohl Lust hätten zu kommen. Und bevor ich alleine irgendwo sitze und keiner kommt, kam mir die Idee, das Ganze eventuell mit einem der Treffen, die auf www.outdoorseiten.net organisiert werden, zu kombinieren. Ich selbst war schon bei einigen dieser Treffen, habe dort Freunde fürs Leben getroffen und jede Menge Spaß gehabt. So ein Internet-Forum ist zwar an sich schon eine super Sache, aber die Leute hinter den Alias-Namen in der Realität kennenzulernen und sich persönlich auszutauschen, ist dann doch noch um einiges spannender. Ich fragte einmal vorsichtig nach, ob ich zu einem Treffen an der fränkischen Saale auf dem Campingplatz Rossmühle einige Leute dazu einladen dürfe, die nicht direkt mit dem Forum zu tun haben. Die Rückmeldung dazu war sehr positiv, es konnte also richtig losgehen. Das einzige Problem war, dass das Treffen im November in den Herbstferien stattfindet. Wer da wohl Zeit hat, um bei vermutlich nasskaltem Wetter zelten zu gehen?

Da ich keine Ahnung hatte, ging ich einfach dazu über, es herauszufinden. Sollte keiner meiner Einladung folgen, würde ich wenigstens mit den ODS-Leuten eine gute Zeit haben. Gesagt, getan, ich schrieb eine Einladung bei mir im Blog und erstellte einen öffentlichen Termin auf Facebook. Wer kommen wollte, solle sich doch kurz bei mir melden, sodass ich einen Überblick habe. Bei der Sache gab es ja kein Risiko, jeder sollte sich vor Ort selbst beim Campingplatz anmelden und sich selbst verpflegen. Die einzige Sache war, dass der Campingplatz im November eigentlich schon langsam winterfest gemacht wird. Sprich das Wasser abgestellt und die sanitären Anlagen langsam eingemottet werden. Aber nun gut, so viele Leute würden ja vermutlich auch nicht kommen, und die dadurch entstehenden Wege wären ja auch okay, damit kann man schon mal leben für ein Wochenende.

Nun ging es daran, etwas Werbung zu machen. Ich schrieb also einige befreundete Blogger wie das Fräulein Draußen und Partner sowie Magazine an, mit denen ich ab und an zusammen arbeite. Carsten trommelte zusätzlich in der Ultra-Light Wander Community und so langsam nahm die Sache Formen an. Als dann das Walden Magazin die Veranstaltung auf Facebook teilte und sich die Liste der an der Veranstaltung interessierten Leute auf deutlich über 100 erhöhte, sackte mir doch kurz das Herz in die Hose. 

Es melden sich immer mehr Leute an!

Ein paar hektische Telefonate mit dem Campingplatzbetreiber und den Organisatoren von ODS später, hatte sich mein Herzschlag wieder etwas beruhigt. Mir war schon klar, dass nicht alle der 150 Leute kommen würden, aber mit insgesamt 50 Leuten rechnete ich schon, denn ich bekam auch täglich noch Anmeldungen per E-Mail aus allen möglichen Himmelsrichtungen. Selbst aus Schweden und der Schweiz meldeten sich Teilnehmer an. Zwar mussten auch einige Leute absagen, da der Termin für sie etwas unglücklich lag, aber anhand der Rückmeldungen war mir klar, dass das Wochenende auf jeden Fall super werden würde und die Idee zu einem Fernwandern Camp überall auf sehr fruchtbaren Boden fiel. Sogar der Campingplatzbetreiber ließ sich ob der zu erwartenden Leute erweichen, das Wasser blieb an und die Toiletten auf unserer Wiese wurden ebenso aufgelassen, die langen Wege sollten uns also erspart bleiben.

Die Zeit raste dahin, und bald schon wurde es November. Von Real Turmat bekam ich einen großen Haufen leckeren Essens zum Probieren für alle beim Camp, von Fibertec bekam ich einen Karton Imprägniermittel zum Testen für die Teilnehmer und das Nordis Magazin stiftete einige Exemplare der neuesten Ausgabe, sodass sich die Leute auf dem Nachhauseweg über Reisen in nordische Gefilde informieren konnten.

Am Abend vor dem Camp hieß es dann, all die Sachen ins Auto zu bekommen. Das war gar nicht so einfach, hatte ich doch versprochen, einiges an Ausrüstung zum Zeigen mitzubringen. Wir mussten ordentlich puzzeln, um neben diversen Zelten, einem Faltboot und dem Kugelgrill auch noch eine große Kiste mit Landkarten und die ganzen Give-Aways unterzubringen. Aber es passte alles rein, der Kombi war randvoll und die Vorfreude stieg, es hatten sich rund 40 Leute angemeldet.

Es geht endlich los! Wir treffen uns!

Nach drei entspannten Stunden auf der Straße rollten wir endlich auf den Campingplatz. Wir waren unter den ersten Ankömmlingen und begrüßten die anderen, die bereits ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Sofort wurde bei Kaffee und Kuchen ganz entspannt losgequatscht. Ganz egal ob man sich bereits kannte oder nicht, ohne Berührungsängste ging es direkt los. Es war schön zu sehen, dass sich alle auf Anhieb verstanden, jeder etwas zu erzählen hatte. Ein Programm war gar nicht nötig, das Thema Outdoor war ja allgegenwärtig. 

Schön war es auch, alte Bekannte und Freunde zu begrüßen. Sogar die Jurte, die dem outdoorseiten.net Verein gehört, fand ohne große extra Bestellung ihren Weg zu uns. So waren wir auch vor dem vorhergesagtem Nieselregen super geschützt und in der Jurte kann man sogar Feuer machen, um sich darin aufzuwärmen oder zu kochen – was will man mehr?

Der Aufbau der Jurte gelang dann auch unter Aufbietung aller anwesenden Kräfte und dank der geballten Schwarmintelligenz schnell und fast reibungslos. Das in Carsten Jost als eigentlichem UL-Wanderer ein alter Pfadfinder steckt, wer hätte das gedacht?

Nachdem die Jurte stand, wurde auch das bestellte Feuerholz angeliefert und es ging nahtlos über in den gemütlichen Teil. Ständig kamen neue Leute hinzu, der Campingplatz füllte sich immer mehr. Bei kalten und warmen Getränken loderte schnell das Lagerfeuer in der Jurte, es wurde überall gekocht und bald schon duftete es sogar nach frischen Flammkuchen vom Grill und selbst gemachten Rehbratwürsten! Outdoorer-Herz, was willst du mehr? Es war super zu sehen, wie sich alle bunt durcheinander mischten, jeder sich ganz ohne Vorbehalt einfach mit seinem Nachbarn unterhielt und die Stimmung einfach bestens war! 

Immer wieder staunte ich auch über die Touren, die einzelne Leute hier bereits gemacht hatten. Egal mit wem man sprach, jeder hatte schon etwas Cooles gemacht. Es waren zwei Triple-Crowner vor Ort, also Leute, die die drei großen Weitwanderwege der USA (AT, CDT & PCT) komplett absolviert hatten, sowie mindestens fünf Leute, die Norwegen der Länge nach gewandert waren. Aber auch von anderen total abgefahrenen Touren hörte ich, da war zum Beispiel jemand mit einem alten AWO-Motorrad samt Beiwagen zum Nordkap und zurück gefahren! So cool all diesen Geschichten zu lauschen. Und keiner ließ raushängen, was er schon gemacht hatte. Niemand gab damit an, ganz im Gegenteil. Man hatte es einfach gemacht und freute sich nun, sich mit anderen über seine Erfahrungen und Erlebnisse ganz unprätentiös auszutauschen. 

Abenteurer und Abenteuer – jeder auf seine Art

Zwischendurch stand ich einfach nur da, blickte mich um in der Runde, und bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Genau so hatte ich mir das vorgestellt! Warum zur Hölle gibt es in der Welt so viel Streit, Unzufriedenheit und Stress? Wenn ich mich hier umsah, dann merkte man direkt, wie schön das Leben sein kann!

Der Abend ging länger, als ich mich erinnern konnte, als ich am morgen aufwachte. Mein Klamotten rochen, nein sie stanken nach Lagerfeuer, aber das war egal nach so einem wunderbaren Auftakt des Wochenendes. Nachdem die Lebensgeister langsam wieder zurückkamen, krabbelte ich aus dem Zelt. Einige müde Gesichter wünschten mir einen guten Morgen, ich erwiderte dies, keiner war griesgrämig oder blöd drauf, alle lächelten und hatten einen flotten Spruch auf den Lippen.

Nach einigen grundlegenden morgendlichen Grundbedürfnissen wie Zähneputzen bildeten sich schnell einige Frühstücksrunden. Das Wetter hielt und so saßen bald überall Leute gemütlich beim Frühstück zusammen. Da wurde literweise Kaffee zubereitet, es wurden spontan Pfannkuchen gebrutzelt und jede Menge anderer Köstlichkeiten gereicht. Bald schon wurde munter dort weiter gemacht, wo man am Abend aufgehört hatte. Nein, das Bier musste noch bis später warten, aber die Gespräche waren ebenso entspannt und vielfältig wie am Abend zuvor. Immer wieder trudelten auch jetzt noch neue Gesichter ein, ein großes Hallo, kannte man sich doch mitunter vorher nur virtuell. Es war einfach unglaublich inspirierend und bereichernd stundenlang über Gott und die Welt zu reden. 

Zwischendurch bauten wir noch das Faltboot auf und entwarfen ein kleines Programm für den Nachmittag bzw. Abend. Nach dem stundenlangen Frühstück gab es dann am frühen Nachmittag nacheinander Workshops bzw. improvisierte Vorträge zu den Themen Freezer-Bag-Cooking & Dörren, zu den Weitwanderwegen wie AT, CDT & PCT in den USA sowie eine Runde zum Thema Norge på langs. 

In den jeweiligen Runden wurde erzählt, erklärt, berichtet und es wurden unerwartete und zum Teil sehr detaillierte Fragen gestellt – man merkt direkt, dass man unter Gleichgesinnten ist. Ich war zum Beispiel sehr glücklich, dass ich einmal über Erfahrungen und Empfindungen mit anderen Leuten quatschen kann, die selbst schon einmal NPL gelaufen sind. Für Außenstehende war das zum Teil echt nerdig und teilweise echt schwer verständlich, ich aber war im NPL-Himmel!

Langsam ging es dann fließend über in den Abend. Es wurde nun auch ein zweites Lagerfeuer unter freiem Himmel entzündet. Gleich daneben baute Tony alias Dervondraussen ein kleines Open-Air Kino mit Leinwand und Beamer auf, Markus von ODS sollte kurz darauf von seinem Abenteuer in der Mongolei erzählen. Was für eine geile Stimmung! Langsam ging dann auch auch noch der Vollmond auf, die Szenerie war einfach perfekt! 

Nun saßen wir also da. Jeder hatte ein Getränk in der Hand, Süßigkeiten und Snacks wurden herum gereicht und Markus nahm uns mit in den fernen Osten, in eine spannende und für viele von uns unbekannte Welt. Mit seinem coolen Humor und netten Anekdoten fühlten wir uns bestens Unterhalten. Im Anschluss ging es dann mit David, ebenso von ODS, auf Wintertour in den hohen Norden! Vielen Dank euch für die coolen Vorträge!

Auch nach den Vorträgen wurde sich angeregt weiter unterhalten. Entweder am Lagerfeuer, in der Jurte oder auch ganz entspannt am Bulli von der Heimatnomadin Leona. Es fühlte sich einfach so vertraut und ungezwungen an, so selbstverständlich, obwohl man sich zum Teil erst wenige Stunden kannte. Die Zeit verging einfach viel zu schnell!

Am Sonntagmorgen fiel das Aufstehen noch schwerer als am Tag davor. In der Nacht begann es wie angekündigt zu regnen. Ich wollte einfach nicht aus dem kuscheligen Schlafsack heraus, aber irgendwann nütze es nichts, was raus muss, musste raus. Mir graute es schon davor, die große schwarze Jurte bei strömendem Regen abzubauen, aber als ich aus dem Zelt kroch, hatten diese unangenehme Arbeit schon einige fleißige Hände übernommen! Sauber!

Das Camp ist viel zu schnell zu Ende

So ein wenig strömender Regen hielt uns aber nicht davon ab, in gemütlicher Runde zu frühstücken. Rasch wurde ein Tarp aufgestellt und schon saßen wir wieder entspannt beim ersten Kaffee zusammen. Teilweise goss es echt in Strömen, aber hei, es war uns einfach egal.

Alle waren traurig, als sie nach und nach ihr Zeug zusammen packten, um nach Hause zu fahren. Eigentlich wollte keiner gehen, es gäbe noch so viel zu erzählen und noch mehr zuzuhören! Irgendwann nützte es dann einfach nichts mehr, auch die letzten brachen die Zelte ab. Alles, was wir in den Kofferraum luden war irgendwie nass, roch nach Lagerfeuer oder war vom Schlamm gezeichnet. Aber das war uns ganz egal, denn es lagen zwei wunderbare Tage hinter uns. Es war noch viel cooler, vielfältiger und relaxter, als ich es mir im Vorhinein hätte vorstellen können!

Danke! Danke! Danke!

Nachdem so viele positive Rückmeldungen bei mir eingetroffen sind, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir uns auch 2018 vermutlich am gleichen Ort zur in etwa gleichen Zeit treffen werden, um ganz entspannt übers Fernwandern zu quatschen! Ich jedenfalls würde mich sehr freuen, wenn es wieder so cool werden würde, wie die drei Tage im November 2017! Bis spätestens nächstes Jahr dann!

Vielen Dank an alle Helfer, Geschichten-Erzähler, Zuhörer, Köche, Jäger, Spender, der Royal Mail und vor allem auch an www.outdoorseiten.net, die nicht nur ein spitzenmäßiges Forum, sondern auch ein sehr cooler Verein sind, den man unbedingt unterstützen sollte!

Zum Abschluss ist hier noch eine kurze Liste von Bloggern, die beim Camp mit dabei waren:

Florian ist unter anderem den PCT gelaufen und war in Neuseeland unterwegs – von Frankfurt hinaus in die große weite Welt: http://dowhatmakegood.de

Leona ist vom Fernweh getrieben, gerne in Norwegen unterwegs und macht auf dem Rennrad krasse Touren: http://heimatnomadin.com

Carsten ist ein alter Hase im UL-Wandern, gibt dazu Kurse und ist auch schon viel in den USA unterwegs gewesen: http://www.fastpacking.de

Tony ist eine richtig coole Socke und 2015 NPL gelaufen! Und wer will kann bei ihm auch geführte Touren in Norwegen buchen: http://dervondraussen.de

Hansjörg aus der Schweiz ist der Elder-Wandersman aus der Schweiz im Unruhestand – er ist 2017 NPL gelaufen: http://www.norgepalangs17.com

Vanja ist ein echter Abenteurer mit zähem Willen und unglaublicher Energie – er ist 2017 NPL gelaufen: https://norgepalangs2017.com

Thomas habe ich irgendwann einmal mit dem NPL-Virus angesteckt – und im nächsten Jahr startet er selbst ins Abenteuer: https://wanderbarepfade.wordpress.com 

Markus berichtet in seinem Blog über alles rund ums Wandern im Mittelgebirge aber auch in den Alpen oder auf 24h Touren: http://schoene-aussicht.de

Tom ist ein echter Ausdauer-Freak, ist aber auch gerne einfach so draußen auf Tour: https://www.istdochallesnursport.de

 

Es ist kurz nach 9:00 Uhr am Sonntagmorgen, als wir die Haustüre hinter uns zuziehen und gemächlich zum Bus laufen, der uns dann zum Bahnhof in Tübingen bringen wird. Im Sommer sind wir ja die erste Etappe des HW 1 gelaufen und für uns war danach schnell klar, dass wir diesem wunderschönen Wanderwege weiter folgen wollen.

Nun also ist es endlich soweit die zweite Etappe steht bei bestem Herbstwetter auf dem Programm. Da wir mit Bus & Bahn anreisen wollen, werden wir nicht ganz dort starten, wo wir beim letzten Mal aufgehört hatten, die ÖPNV Verbindung hätte ansonsten bald drei Stunden gedauert. Wir entscheiden uns ein kleines Stückchen auszulassen. Das hat den unschlagbaren Vorteil, dass wir von Tübingen ohne Umsteigen unter einer Stunde am Trail sind. Es ist zwar schade, aber den ausgelassenen Teil holen wir vielleicht irgendwann einmal nach.

Gesagt getan, der Bus entlässt uns am Bahnhof, ein kurzer Zwischensprint um Brötchen zu holen und das Tagesticket zu lösen und schon sitzen wir im Zug der Zollernalbbahn. Das Wetter ist wirklich schön, und am Fenster zieht bereits kurz darauf die beeindruckende Burg Hohenzollern vorbei. Diese Burg ist eine echte Landmarke, ich denke fast jeder in Deutschland kennt sie, Bilder von ihr sind überall in Zeitungen, Magazinen oder den Sozialen Medien in allen erdenklichen Variationen zu sehen.

Wir haben gerade unser mobiles Frühstück im Zug verputzt, als auch schon das Ziel unserer Anreise angekündigt wird. In Albstadt-Laufen treten wir auf den Bahnsteig und sehen uns ums. Das erste Schild, das den HW 1 ausweist, ist schnell gefunden und es kann losgehen. Zuerst müssen wir aus dem Ort hinaus laufen und in Richtung der Schalksburg gehen. Diese ehemalige Burg thront hoch über dem Talgrund. Was das heißt, stellen wir schnell fest: Es geht hoch.

Erst ganz gemächlich über Wirtschaftswege, dann über einen schmalen steilen Steig immer weiter bergan. Die Bäume uns herum sind in ein buntes Farbenmeer getaucht und die Herbstsonne heizt uns kräftig ein. Der Schweiß fließt in Ströme als wir oben angelangt sind und auf einen der markierten Traufgänge, einigen wunderbaren Rundwanderwegen hier in der Gegend, treffen.

Traufgänge treffen auf Fernwanderwege

Die Aussicht auf das Tal weiter unten ist von hieraus einfach wunderbar, die Mühen haben sich vollauf gelohnt. Der Pfad folgt nun einem Bergrücken, zu beiden Seiten fällt es steil ab, die Ausblicke entsprechend schön. Das Herbstlaub bedeckt knöchelhoch den gesamten Boden und kurzfristig werden wir (wieder) zu kleinen Kindern, die im bunten Laub umhertoben.

  

Nun wendet sich der Weg ab vom Albtrauf und führt uns über eine weite Wiese hin in das malerische Örtchen Albstadt-Burgfelden. Kurz hinter dem Ortsausgang stehen wir dann wieder am Albtrauf und genießen die weiten Ausblicke vom sogenannten Böllat, einem Aussichtspunkt.

Der Wind pfeift hier ganz schön und so laufen wir bald weiter. Über 25 Kilometer stehen heute auf dem Programm und wir wollen einen nicht allzu späten Zug zurück nach Tübingen erwischen. Also machen wir mal lieber etwas Strecke und folgen dem HW 1 durch wunderbaren Laubwald. Hier im Wald trägt der starke Wind zu einer beeindruckenden Geräuschkulisse bei, überall knarzen und ächzen die Bäume und die Wipfel wiegen hin und her. Immer wieder ziehen dunkle Wolken schnell über uns hinweg, aber der leichte Regen verschwindet direkt nach einigen Augenblicken wieder, wir haben Glück.

Nun geht es steil einen Abhang hinab und kurz darauf überqueren wir schon die Landstraße 442 bei Albstadt-Pfeffingen. Wir kommen gut voran und gönnen uns eine Pause in der nun wieder auftauchenden Sonne. Herbstwetter wie an der See, wir lieben es und genießen unsere Wanderung.

Weiter geht es, nun wieder leicht bergan. Eines steht auf jeden Fall fest, auch wenn man immer dem Albtrauf folgt, so stehen doch auf den Etappen einige Höhenmeter auf dem Programm, manchmal auch mehr, als man im Vorhinein gedacht hat.

Wir überqueren den Wanderparkplatz am Zitterhof und der Wald verschluckt uns wieder. Über einen schmalen Pfad geht es weiter, wieder ziehen bedrohliche Regenwolken über uns hinweg, entladen aber ihre feuchte Fracht über anderen Wanderern, wieder Glück gehabt. Wieder stehen wir nun an einer Landstraße, der L360 bei Stich. Dieser Bauernhof mit Gaststätte ist der Ausgangspunkt für den wohl beliebtesten Traufgang: Dem Zollernburg-Panorama Traufgang

Zu Gast im Lande der Fürsten zu Hohenzollern

Zahlreiche Autos künden davon, dass wir nicht alleine unterwegs sein werden auf diesem Abschnitt. Wir waren hier bereits früher einmal unterwegs und kennen das schon. Aber klar, dort wo es besonders schön und gut erreichbar ist, da kommen die Leute gerne hin. Wir checken kurz das Schild mit den eingezeichneten Gaststätten und legen einen Zahn zu.

Von hier aus sind es noch gut 14 Kilometer zum Tagesziel, nicht gerade wenig, ist es doch schon Nachmittag geworden. Also flitzen wir los, bei den kleinen Anstiegen machen sich die bereits zurück gelegten Kilometer und das gestrige Jogging-Training durchaus bemerkbar.

Die Ausblicke, das abwechslungsreiche Herbstwetter und die bunten Farben der Laubbäume um uns herum halten die Stimmung aber hoch, es ist einfach wunderschön hier zu dieser Jahreszeit.

Von nun an ist die Burg Hohenzollern unser Begleiter, immer wieder können wir sie durch das Astwerk der herbstlich kahlen Bäume erspähen. Man ahnt, warum Heerscharen von Instagrammern und Fotografen hierher strömen, um diese alten Gemäuer in dieser spektakulären Lage möglichst dramatisch abzulichten und in Szene zu setzen.

Nun stoßen wir langsam ins touristische Epizentrum dieses Tourabschnitts vor. Rund um den Zollersteighof treffen wir zahlreiche Wanderer und Ausflügler, der Wanderparkplatz ist rappelvoll.

Da der HW 1 die klassische Aussicht auf die Burg Hohenzollern am Zeller Horn einfach links liegen lässt, bleiben uns die ganz großen Besucherströme Gott sei Dank erspart. Wir liegen immer noch gut in der Zeit und kommen gut voran, daher entschließen wir uns kurz darauf am Wanderheim Nägelehaus für eine kurze Pause zur Stärkung.

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur zu wenig Kuchen

Wir nehmen Platz in der Gaststube und gönnen uns Kuchen, heiße Schokolade und eine Hopfenkaltschale. Dass die Pause gerade zur rechten Zeit kommt erkennen wir daran, dass es draußen derweil wie aus Kübeln schüttet und der Himmel seine Schleusen geöffnet hat.

 

Andere Wanderer sind klatschnass, als sie nach uns hier einkehren. Wir warten auch noch die letzten Tropfen Regen ab und machen uns dann an den Endspurt, nach Jungingen.

Der Himmel wird nun immer dramatischer, die grauen Wolken werden immer dunkler, im Wald wird es zunehmend dunkler. Das tut unserer guten Stimmung aber keinen Abbruch, denn es macht richtig Spaß hier unterwegs zu sein.

Anders als es vielleicht anklingen mag mit den vorher erwähnten Landstraßen und Besuchermassen, so konzentrieren sich diese doch an bestimmten Punkten. Entfernt man sich von diesen Hot Spots, so trifft man kaum andere Leute und hat den Trail ziemlich oft ganz für sich allein.

Am Himberg ist die Aussicht noch in Ordnung

Ein letztes Highlight erwartet uns am Aussichtspunkt Hoher Berg. Hier am Himberg gelegen ergibt sich ein wunderbarer Ausblick auf die Burg Hohenzollern, wie man ihn so nur selten sieht. Scheinbar ist dieser Punkt nicht so leicht zu erreichen, ansonsten würde man wohl auch von hier mehr Bilder in den Medien entdecken.

Es wird langsam frisch, so verweilen wir nicht lange und machen uns an den letzten Abstieg des Tages in das Örtchen Jungingen. Es geht steil den Berghang hinab, auf dem feuchten Laub manchmal eine echte Herausforderung. Aber auch dieses letzte Hindernis überwinden wir ohne Probleme und stehen bald darauf nach etwas über 25 Kilometern am kleinen örtlichen Bahnhof.

Auch dieser Abschnitt des HW 1 hat uns wieder ausgesprochen gut gefallen. Der hohe Anteil schmaler Pfade hat uns echt begeistert und die Ausblicken, was soll man dazu noch sagen? Wer einmal am Albtrauf entlang gewandert ist, der wird ganz sicher wieder kommen. Und genau das denken wir, als wenige Minuten später pünktlich der kleine Zug einrollt und uns wieder heimwärts nach Tübingen bringt. Zufrieden und etwas kaputt machen wir es uns in den Sitzen der Hohenzollerischen Landesbahn gemütlich, draußen setzt langsam die Dämmerung ein und hinter uns liegt ein wunderbarer Herbsttag auf dem HW 1 – wir kommen ganz sicher wieder und werden unsere Wanderung am Albtrauf fortsetzen, vielleicht ja sogar im Winter?

WOW! Schaut euch diese Muskeln und trainierten Körper an! Und dazu ganz viele Tipps und Tricks rund ums Thema Fitness, Gesundheit und Männersachen – all das findet man in der aktuellen Ausgabe des Men’s Health Magazins! Und dann ist dort auf Seite 94 ein stinkender Typ mit ungepflegtem Bart, zotteligen Haaren und abgetragenen Klamotten. Gewinntertyp nennt man so einen Weitwanderer wohl, steht jedenfalls dran.

Was ist eigentlich ein Gewinntertyp?

Mich macht es ein wenig stolz, dass ich es mit meiner Tour in dieses Magazin geschafft habe. Denn seien wir mal ehrlich, auf den ersten Blick passe ich da überhaupt nicht rein. Aber wenn man einfach mal alles, was man hat, in die Waagschale wirft, um sich am Ende wunderbare Belohnungen zu erarbeiten, ja, dann ist man eventuell ein Gewinnertyp.

Unterwegs verlor er ein Zelt und 20 Kilo, aber nicht seinen Talisman – das Trikot seines Lieblingsvereins

Ich fühle mich wirklich nicht wie ein Superheld oder Topathlet, nicht wie ein krasser Abenteurer oder Draufgänger, sondern, und das trifft es dann doch ganz gut, wie ein Gewinnertyp. Ja, damit kann ich gut leben, denn ich habe durch meine Norge på langs Tour so viele Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen dazu gewonnen! Also, seid auch Gewinnertypen, nicht nach einem bestimmten Schema oder einer Anleitung oder was auch immer, sondern so wie ihr es wollt und fühlt! In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen!

 

Während meiner Norge på langs Tour stieß ich beim Surfen im Internet auf den Bericht eines gewissen Martin Hülle, er beschrieb darin, wie er alleine durch den Sarek lief und auch in Padjelanta unterwegs war. Es war kurz vor Sulitjelma und ich schrieb ihm einfach, wie inspirierend ich seinen Bericht fand. Als ich dann wieder zurück von meiner großen Wanderung war, besuchte ich den Fotografen, Autor und Abenteurer in Wuppertal und wir sprachen den halben Tag lang bei ihm in der Küche bei reichlich Kaffee über unsere Touren und lernten uns so kennen.

Es war cool, denn schnell war klar, dass wir beide mit den Reisen in den Norden eine gemeinsame Leidenschaft haben. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und verabredeten, bei Gelegenheit vielleicht einmal zusammen auf Tour zu gehen. Das war im Spätherbst 2013 und bald darauf war es dann auch soweit, wir flogen gemeinsam nach Norwegen. Martin hatte mir sehr geholfen, die Ausrüstung zusammenzubekommen und vermittelte mir in diesem Zuge auch erste Kontakte zu Partnern aus der Outdoorbranche, mit denen ich bis heute zusammenarbeite.

Es sollte eine Wintertour werden, meine erste Tour dieser Art. Mit dem Zug fuhren wir nach Hjerkinn und brachen auf in die Berge Rondanes. Ich hatte so unglaublich viel Respekt vor einer Wintertour und lernte in den Tagen dort viel von Martin. Wir hatten eine richtig gute Zeit, wenn ich mich auch manchmal auf den Ski ziemlich dämlich anstellte und nicht mehr weiß, wie viele hundert Male ich mich dabei auf die Klappe legte.

Auch nach der Tour blieben wir stets in Kontakt und schmiedeten alsbald neue gemeinsame Tourpläne. Schon damals waren die Touren Teil von Martins Buchprojekt „Mein Norden“ – und nun liegt das Ergebnis dieser 11 Touren sommers wie winters innerhalb von vier Jahren vor mir auf dem Tisch: Die Essenz aus Martins Leidenschaft für den Norden.


Und ich kann einfach nur sagen, dass Martins Buch unglaublich gut geworden ist. Da ich ihn mittlerweile wirklich gut kennenlernen durfte, wir verbrachten zum Beispiel zusammen drei sehr stürmische Tage im kleinen Zelt eingeschneit auf dem Jostedalsbreen, habe ich auch die Entstehung des Buches stets begleiten dürfen. Ich glaube sagen zu können, dass ich wirklich weiß, wie viel akribische Arbeit Martin investiert hat, um dahin zu kommen, wo das Buch nun ist.

Mit viel Geduld, Ausdauer und vielen Stunden auf Tour hat er darauf hin gearbeitet. Auch die finalen Meter waren dabei sicher nicht einfach für ihn, es gab da einige Hindernisse wie einen fehlerhaften Druck der Bücher, die einem wirklich den Spaß an der ganzen Arbeit hätten rauben können. Aber nein, Martin hat sich nicht beirren lassen, weiter gemacht und mit „Mein Norden“ sein Meisterstück abgeliefert.

Mir gefällt Martins unaufgeregter Stil sehr, und das sage ich nicht als Freund oder jemand, der sich viel von ihm abgeschaut hat. Nein, das sage ich als jemand, der den Norden ebenso sehr liebt und diesen genau so kennengelernt hat, wie Martin ihn in seinen Bildern zeigt. Er ist nicht auf Effekthascherei aus, sondern fängt seine Touren so ein, dass ich mich sofort in die Umgebung vor Ort hinein versetzen kann.

Da ich ihn unterwegs schon einige Male erleben durfte, weiß ich ja auch ein wenig, wie er arbeitet. Und da ist kein großes Team am Start und auch keine Materialschlacht mit unendlich viel Photoequipment. Was ich damit sagen will, Martin hat einfach viel Erfahrung und genau den richtigen Blick für den Norden, um solch einen fantastischen Bildband vorzulegen. Da bin ich immer wieder erstaunt über die Bilder, die er von seinen Touren mitbringt. Ich kann ja meine Bilder von gemeinsamen Touren mit seinen Ergebnissen vergleichen, und da sieht man dann den Unterschied zwischen erfahrenem Profi und einem Laien.

Was diesen Bildband so besonders macht, ist vor allem das Herzblut, mit dem Martin an die Sache heran geht. Absichtlich verzichtet er auf einen großen Verlag im Rücken, denn er möchte dieses Buch genau nach seinen Vorstellungen gestalten. Diese Freiheit erlaubt es ihm, keine Rücksicht auf Befindlichkeiten nehmen zu müssen und geradeaus konsequent seinen Weg zu gehen.

Er geht dabei bewusst ein großes Risiko ein, aber am Ende gibt ihm das Ergebnis schlicht und einfach recht. Ich bewundere Martin sehr für seinen Mut, sein Engagement und sein Können – das alles zeichnet „Mein Norden“ so sehr aus. Es macht mich stolz, dass ich ihn auf einigen Touren, die sich nun im Buch wiederfinden, begleiten durfte. Jeder, der den Norden liebt, sollte sich diesen Bildband einmal näher ansehen und wird begeistert sein!

Das Buch ist erhältlich direkt bei Martin Hülle in seinem Online-Shop

Wie kamst Du auf die Idee zu dem Foto- und Buchprojekt „Mein Norden“ bzw. was war der Startschuss?

Im Frühjahr 2012 rissen mich zwei Krampfanfälle aus heiterem Himmel zu Boden, die Diagnose Epilepsie wurde gestellt und mein Wandererleben geriet aus den Fugen. Doch in den Tagen im Krankenhaus und den Wochen danach, die es brauchte, um wieder so richtig auf die Beine zu kommen, ließ ich mich nicht unterkriegen und fasste den Entschluss zu dem Projekt „Mein Norden“.

Nachdem ich im Sommer 1991 erstmals in Schweden unterwegs war und sich die nordische Einsamkeit sogleich tief in mir eingebrannt hatte, wollte ich jetzt erneut alles noch einmal träumen und aufbrechen zu den wundervollen Orten, die mir von früher so viel bedeuteten – aber gleichzeitig auch Neuland aufspüren, in dem ich zuvor noch nie war, jedoch schon immer einmal hinwollte. Das Nordlandfieber und der Arktis Bazillus sind alte Bekannte, die ich sicherlich nie mehr loswerde – und „Mein Norden“ sollte nun zu einer Liebeserklärung an die rauen Landschaften, kargen Regionen und eine intensive Art des Unterwegsseins werden.

Und wie hast Du die entsprechenden Reisen ausgewählt?

Ich wollte dorthin aufbrechen, wo meine Passion ihren Anfang genommen hatte. Also führte mich die erste Reise zurück nach Schwedisch Lappland. Genauso war es mein Ziel, mir bis dahin unbekannte Ecken zu erschließen. Daher zog es mich auch auf die Färöer-Inseln und nach Svalbard. An einer Winter-Durchquerung Islands war ich früher schon mal gescheitert – jetzt wollte ich einen zweiten Versuch unternehmen. Wichtig war es mir, den ganzen (europäischen) Norden abzudecken und zu allen Jahreszeiten unterwegs zu sein.

Schließlich habe ich 13 Reisen unternommen, von denen es elf ins Buch geschafft haben. Vier Jahre war ich dafür unterwegs. Oftmals allein, aber auch mit Freunden oder meiner Frau und unserer kleinen Tochter. Vielfalt war mir wichtig. Berge, Gletscher, Wald, Küsten. Zur letzten Reise – nach Grönland – konnte ich erst ein Jahr später aufbrechen als ursprünglich geplant. Aber ohne die „grüne Insel“ wäre das Projekt nicht rund gewesen, daher nahm ich auch einige Rückschläge und Verzögerungen in Kauf, um das zu erreichen, was ich mir ausgetüftelt hatte. Zum Glück trat in all der Zeit die Epilepsie völlig in den Hintergrund und ich blieb anfallsfrei.

Was war spannender, die Suche nach Sponsoren und Unterstützung für das Projekt oder gigantische Gletscher in Grönland zu überqueren?

Eindeutig die Zeit in der Natur! Zum Glück habe ich einige langfristige Partner, die mich in vielen Bereichen materiell unterstützen, was eine große Hilfe und sehr viel wert ist. Aber ohne eine riesige Portion Leidenschaft und die Unterstützung meiner Familie, hätte ich das Projekt nicht stemmen können. All die Reisen sind größtenteils komplett selbst finanziert und über Reportagen in Magazinen, Vorträge und den Verkauf des Buches (von den Druckkosten ganz zu schweigen) muss ich versuchen, die Ausgaben wieder reinzubekommen. Aber draußen in der Wildnis ist all das bürokratische Tohuwabohu, welches ein Projekt solchen Umfangs im Hintergrund immer begleitet, schnell vergessen. Also, das Unterwegssein ist voller Spannung, das Drumherum hingegen oftmals eher stressig, aber es ist auch ein Teil des Spiels.

Welches war der Moment auf den Touren, der Dir am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist?

Als ich im südgrönländischen Johan Dahl Land am Hullet ankam und den ersten Blick auf diese Wahnsinnsszenerie warf. Umgeben von Ausläufern des Inlandeises lagen dort auf einer Fläche mehrerer Quadratkilometer haushohe Eisgebilde auf Grund. Dieser Ort zog mich so sehr in seinen Bann, dass ich mich nur schwer davon lossagen konnte. Die Stimmung war mystisch, und inmitten all der Gletscher fühlte ich mich angekommen in einer eisigen Oase in wilder Einsamkeit.

Und auf welchen Moment hättest Du gut und gerne verzichten können?

Auf die höllischen Schmerzen auf Svalbard. Zu zweit waren wir im Winter auf der Insel Spitzbergen unterwegs, als mir wie aus dem Nichts vom Nacken über die Schulter bis in den linken Oberarm plötzlich alles weh tat. Es war wohl ein eingeklemmter Nerv. Anfangs hatte ich noch Hoffnung und wir hielten erst mal an unserem Plan fest und wanderten weiter. So schafften wir es bis ins Sabine-Land. Doch dann kam der Tag, an dem wir unterhalb des schroffen Moskushornet über den Klauvbreen stiegen.

Der Nerv im Arm schrie immer lauter auf, und ich krümmte mich immer mehr. Uns weiter von der Zivilisation zu entfernen, war sinnlos. Auf kürzestem Weg zurückzukehren nach Longyearbyen, war die letzte Herausforderung der Tour. In zwei langen Tagen liefen wir wieder zurück zum Ausgangspunkt. Aber trotz der qualvollen Zeit habe ich die Skitour durch die hohe Arktis genossen und die darüber entstandene Bilderserie gehört sicherlich zu den stärksten im Buch.

Du kannst ja nicht haufenweise Ausrüstung mit Dir herumschleppen, wenn Du wochenlang draußen unterwegs bist. Welche Fotoausrüstung hast Du auf solchen Touren mit dabei?

Das stimmt, die Ausrüstung ist in allen Bereichen genauestens ausgewählt und auf das Minimum abgespeckt. Und da die Fotoausrüstung nicht essbar ist oder sonst wie zum Überleben beitragen kann, ist sie zudem ein Luxusgut. Für mich als Fotografen aber natürlich zwingend notwendig, dennoch versuche ich, nur das Nötigste mitzunehmen. Seit vielen Jahren fotografiere ich mit dem X System von Fujifilm – spiegellosen Systemkameras. Mein aktueller Liebling ist die X-Pro2.

Dazu habe ich mehrere Objektive dabei – je nach Reise sind das mal Zooms oder auch nur wenige Festbrennweiten, mit denen ich lieber fotografiere. All das trage ich in einer Hüftfototasche vor dem Bauch. Stativ, Filter, Reinigungsmittel kommen dann natürlich auch noch mit. Ein weiteres Gehäuse steckt gut verpackt als Backup im Rucksack (momentan eine X-T2).

Machst Du dir bereits vor der eigentlichen Tour Gedanken, welche Bilder Du gerne wieder mit nach Hause bringen möchtest?

Teils, teils. Wenn ich in eine Region reise, die ich noch nicht kenne, schaue ich mir vorab schon Bilder von dort an, um zu sehen, was mich erwartet und welche Flecken fotogen und besonders lohnend sein könnten. Auch habe ich ab und an schon bestimmte Motive im Kopf, die ich gerne einfangen würde. Vieles geschieht unterwegs aber auch spontan. Meine Landschaftsaufnahmen haben ja etwas „reportagehaftes“. Da sie fast durchweg bei Wanderungen und Skitouren entstehen, die mich über viele Tage von A nach B führen, kann ich z. B. an den meisten Stellen nicht lange auf das beste Licht warten.

Aber das ist auch gar nicht mein Ziel – ich bin nicht aus auf das ultimative Foto, das die Szenerie „ideal“ darstellt. Ich nehme, was kommt, und bin darauf aus, den Charakter der Landschaften einzufangen. Ich mag es gerne etwas schmuddelig. Und reduziert auf die Essenz der Landschaft. Geplant ist dabei deshalb eher wenig. Ich mache mich einfach auf die Jagd nach den Stimmungen. Denen in der Landschaft und denen in mir.

Wie hast Du die Auswahl der Bilder für Dein Buch getroffen?

Das war ein langwieriger Prozess, bei dem ich von meinem genialen Kurator Sebastian H. Schroeder unterstützt wurde. Ein Fotobuch ist ja ein komplexes Ding. Es unterscheidet sich vom schnöden Bildband, der nur eine Ansammlung schöner Fotos vereint. Es ging auch um eine künstlerische Aussage. Daher war auch nicht nur die Auswahl und die Reihenfolge der Bilder wichtig, sondern zudem deren Größe und Anordnung. Ebenso wichtig ist die gesamtheitliche Kombination von Schrift, Papier, Bindung und dem Umschlag.

Ich habe in dem ganzen Prozess sehr viel über meine Bilder gelernt. Auch musste ich schmerzvoll mit ansehen, dass auch Aufnahmen, die mir etwas bedeuten, es nicht ins Buch schafften, weil sie einfach ins Gesamtwerk nicht gepasst haben. Es war wichtig, jedes Kapitel auf den Punkt zu bringen. Für mich ist das ganze Fotobuch wie ein Musikalbum und die Reisen sind die einzelnen Songs.

Wie war es dann, die Pakete mit den fertigen Büchern vor der Haustür stehen zu haben?

Aufregend! Über 450 Kilo auf einer Palette. Und nichts konnte mehr geändert werden. Aber gleichzeitig ein tolles Gefühl, jetzt endlich an all jene ein Buch verschicken zu können, die bis dahin schon ein Exemplar vorbestellt hatten. Ein langes Projekt war nach vielen Höhen und auch Tiefen zu einem Ende gekommen.

Der Bildband ist wirklich der Hammer! Wie fällt Dein persönliches Fazit dazu aus?

Auf sein eigenes Baby schaut man natürlich mit besonderen Augen. Auch mit Stolz. Ich bin sehr froh darüber, es gewagt zu haben, dieses Buch im „Selbstverlag“ zu veröffentlichen. Es ist der krönende Abschluss dieses sehr persönlichen Projekts „Mein Norden“. Und wenn es mir gelingt, so viele Menschen wie möglich anhand der Bilder und Geschichten in den Norden zu entführen und ihnen damit Freude zu bereiten, sie vielleicht anzuregen, selbst aufzubrechen und Träume zu leben, dann hätte ich das erreicht, was ich wollte.

Stichwort unerfüllte Träume: Was ist Deine Non-Plus-Ultra Reisetraum-Herausforderung?

Da gibt es noch einige Flecken, wo ich unbedingt noch hin möchte. Nach Patagonien oder Baffin Island. In die Mongolei oder auf die Gletscher Garden Of Eden und Garden Of Allah in Neuseeland. Aber die größte Herausforderung wäre sicherlich eine Ski-Expedition zum Drygalskigebirge im Königin-Maud-Land in der Antarktis.

Vielen lieben Dank Martin, dass du uns einen Einblick in die Entstehung deines Bildbandes „Mein Norden“ gewährt hast! Der Erfolg und die bisherigen Rückmeldungen dazu sprechen ja einfach für sich. Ich hoffe sehr, dass wir noch einige spannende Touren gemeinsam erleben dürfen. Wer von Martins Erfahrung und fotografischem Können auch einmal profitieren bzw. vielleicht ja auch etwas dazu lernen möchte, dem kann ich neben Martins Buch auch empfehlen, mit ihm gemeinsam auf Reisen zu gehen! Es lohnt sich!

Das Buch ist erhältlich direkt bei Martin Hülle in seinem Online-Shop